schon wieder erste klasse und so

schon wieder mit dem zug unterwegs gewesen: weil zurück gemusst – ja, gemusst, weil keine zeit für groß urlaub in fernen weiten, weltreise oder entdeckung fremder/unbekannter kontinente – zurück an die spree und das fast von ganz alleine – schon wieder eine zuggeschichte also, inmitten der milliarden zugfahrenden erzähler von zuggeschichten ein unding eigentlich! ein unding an sich: eine zuggeschichte!

was waren das noch für [freiraum für eigene überschwengliche adjektive] zeiten, als man (= die wohlhabenden adligen und später auch feschen bürgersleut) allein unterwegs sein konnte, in den eigenen kutschen und abteilen – ein rest ist uns davon ja in der ersten klasse db geblieben – aber was für eine erste klasse soll denn derjenige abschnitt sein, der sich nur durch eine glastür getrennt an den zweiteklassewaggon anschließt, bitte? zwischen eingang und durchgang sieben bis zehn sitze eingepfercht!?

ich habe es gesehen: ich saß genau davor. mit blickkontakt zur frau in der ersten klasse. der erstenklassefrau. die mich zweiteklassefrau misstrauisch musterte. weil zwischen uns nur glas war. klares glas, zumindest mit dünn weißem muster, aber trotzdem.
als der zug in halle stehen blieb, weil uns der zugführer fehlte, reckte sie ihre augenbrauen schon ganz angestrengt in die höhe. als nach zehn minuten, die uns zuvor als maximale wartezeit zugemutet worden waren, die ansage ertönte, der zugführer sei noch nicht da, wir sollten jedoch versichert sein, dass wir informiert und „die fahrt selbstverständlich auch fortsetzen“ würden, sobald der lokführer zurückkäme (jas was denn bitte sonst? weiter warten? warten auf godot? (was ist wenn godot wirklich käme?)), schüttelte die ersteklassefrau ganz energisch und und und genickbruchmäßig wahnsinnig den kopf, so dass ich erst unwillkürlich zusammen und dann bewusst die achseln zuckte, weil dafür würden wir nun wirklich gar nix können, wir da drüben hinter der mauer.

auch interessant: niemand hat sich beschwert, dass der zugführer nicht kommt, obwohl keiner wusste, was los sei: ob er krank, tot, auf der autobahn, im nächsten zug, nach hawaii. bis auf einen einzigen aufruf aus der zweitenklasse kein gemeckere, nur ständiges telefonieren: nein schatz, ich weiß nicht, wann der zug weiterfährt.
mal bei gelegenheit drüber nachdenken, warum. (mögliche lösungen vorweg: jeder hat angst, dass es bei kritik gar nicht mehr weiter geht, dass man aus dem zug geworfen wird, dass der zugführer beleidigt zurücktritt).

als wir nach einer halben stunde halle verließen, sah man der erstenklassefrau die erschöpfung schon merklich an; schließlich stiegen nicht nur alle zweiteklasseleute in der ersten klasse ein; alle mussten ein zweites und bald drittes mal durch das zwischenersteklasseabteil durch, weil sich auf dieser seite die schneller erreichbare toilette befand.

als jedoch ab bitterfeld der zug sich überfüllte, die leute nicht mehr nur in den eingangsbereichen, sondern auch in den gängen standen, während wir fuhren, zweiteklasseticketbesitzer sich in die erste klasse setzten und zu guter letzt dritteklassefähige aus prinzip nicht reservierende den ersteklassegang besetzten und schließlich endlich am ende last but usw. ein junger mann die beiden roten knöpfe über der glastür zwischen erster und zweiter klasse drückte, so dass die tür sich nicht mehr schließen konnte und er sich genau in diesen frei gewordenen leerraum setzte: da reckte die ersteklassefrau nahe am ersticken ihren kopf in die höhe, schnappte in langen sich verkürzenden abständen um luft, umklammerte mit dünnen, faltigen händen ihre armlehnen, und das letzte, was ich von ihr sah: eine ratternde, sich steigernde schüttelnde bewegung ihrer rechten hand, die anscheinend einen lebenswichtigen knopf drückte. ich erwartete, dass sich über ihrem kopf eine klappe scheppernd öffnen und eine sauerstoffmaske herunterfallen würde. stattdessen passierte nichts. nur ihre leise stimme höre ich noch flüstern: „wo ist denn die bedienung am platz? die bedienung am platz? wo ist denn die“. dann wurde es langsam ruhig und nur das gleichmäßige rauschen und tuckern und gluckern des übersättigten schiffes auf seinen gleisen in der nacht, mein spiegelbild im fenster neben den tausend lichtern einer fernen stadt, der geruch des angebot des tages des bordrestaurants auf der anderen seite unseres waggons.

als wir in berlin ausstiegen, weilte sie nicht mehr unter uns. weiß gott, wohin ihr weg sie führte.

ps: das klo in der ersten klasse unterschied sich in nichts von dem in der zweiten klasse. ich bezweifle, dass es ein richtiges ersteklasseklo war; schließlich steckte es noch im zweidrittel bis dreiviertel zugehörigen zweiteklassewaggon.

pps: gibts in der 1. klasse klofrauen? wc-Damen? facility-manager-qualitätsbeauftrage?

molly malone

molly
(c) ks

Now her ghost wheels her barrow,
Through the streets broad and narrow,
Crying ‚Cockles and Mussels, alive, alive, oh‘.

James Yorkston

über die Welt

[in der Bibliothek:] „Wenn sie [die Welt] doch immer so wäre!“

Rainer Maria Rilke, Malte L. Brigge

konsum_enten

Konsumentenkurzgeschichte zum Nikolaustag. Unterwegs auf der Linie U5 zwischen Lichtenberg und Tierpark.


 

6. Dezember: Nikolaustag

Unterwegs mit der U5 zwischen Lichtenberg und Tierpark.

Sichtlich ein zusammengehörendes Pärchen mit Kinderwagen. Sie mittlerweile ihre ehemals blonden Haare aufgrund anderer Anschauung oder dummer Sprüche anderer Leute schwarz gefärbt, dünne Strähnen senkrecht nach hinten straff zusammengebunden zu einem dünnen Pferdeschwanz, sichtlich noch keine achtzehn, weiße Pluderjacke, federngefüllt, dunkelblaue Jeans mit hellen, ausgewaschenen großen breiten Streifen auf den Oberschenkeln, die schlank machen und unten in Cowboystiefeln stecken. Er dazu passend, geölt und gekämmt, in grüner Bomberjacke und heller Jeans mit weißen nigelnagelneuen blitzenden Turnschuhen. Das Kind im Kinderwagen, sichtlich unruhig. Die Bahn fährt ein, er steigt zuerst ein, das Mädchen hantiert mit dem Wagen. Im Stauraumbereich, wo sie einsteigen will, bereits ein Fahrradfahrer.

–          Hallo!

–          Was denn?

–          Kannst du nicht anpacken oder was?

–          Du wirst doch das Ding hier reinkriegen, jetzt hab dich nicht so!

–          Wenn der da im Weg steht!

–          Rück mal zur Seite hier, siehste nicht Frau mit Kind kommt hier!

–          Aber hier ist doch genug Platz.

–          Was fährst du überhaupt mit der Bahn? Räder sollten grundsätzlich nicht mit der Bahn fahren dürfen. Wozu hast du denn das Rad?

–          René! Hallo!

–          Das geht Sie ja wohl gar nichts an. Hier ist Platz, ich zahle meine Karte.

–          Jetzt pack doch mal an hier, Mann, soll ich alles alleine machen oder wie?

–          Jetzt geh schon weg mit dem Ding da, siehste nicht dass meine Frau hier nicht her kann oder was?

Fahrradfahrer flucht und quetscht sein Rad an die Seite, Frau mit Kinderwagen inmitten des hinteren Abteils, er setzt sich hin.

–          Was soll denn das? Wir fahren doch nur zwei Stationen.

–          Kann mich doch hinsetzen hier, was haste denn heute schon wieder?

–          Und ich soll hier rumstehen oder was?

Sie setzt sich hin, Kind fängt an zu schreien.

–          Was haste denn nun wieder gemacht? Warum schreit denn die jetzt?

–          Ja vielleicht siehst du mal nach? Soll ich immer kucken oder was?

–          Ja bist du die Mutter oder wie?

–          Ja wer bist du denn hör mal?

–          Jetzt geh hin verdammt, das Gör schreit so laut, die kucken alle schon hier!

–          Dir haben sie doch ins Gesicht gespeit!

Sie steht auf, geht zu dem Kind, holt es aus dem Wagen, setzt sich wieder mit dem Kind auf dem Schoß.

–          Ich glaub du spinnst wohl. Sieh du dich doch an.

–          Ach was soll ich mich ansehen, hä? Was soll ich?

–          Ja genau, was sollst du dich ansehen. Läuft ja dein eigenes Spiegelbild davon.

–          Du brauchst reden, Scheißfresse.

–          Halts Maul oder

–          Oder was? Dir haben sie doch ins Gesicht geschissen.

–          Du siehst doch Scheiße aus, Alte.

–          Ach ja? Halt du doch die Fresse ja? An mir bleibt alles hängen und er macht hier den Macker oder wie?

–          Vor allem das Fett bleibt an dir hängen, hast du dich schon mal angekuckt?

Friedrichsfelde. Kind fängt wieder an zu schreien.

–          Halt dich mal zurück jetzt, du machst mir das Kind noch ganz krank mit deiner Scheiße.

–          Ach ich mach das Kind krank ja? Du stopfst es doch voll bis zum Kotzen, nur weil du selber frisst die ganze Zeit!

–          Da muss man doch fressen bei so nem Säufer wie dir! Kann man doch nicht anders, wenn er die ganze Zeit vor der Glotze hängt und zwitschert eins nach dem anderen. Zum Kotzen fressen muss man da, zum Kotzen!

–          Ja wenn du nur mal kotzen würdest, dann wärste wenigstens nicht so fett nach all dem Gefresse!

–          Halt dein Maul du Arschloch!

–          Dumme Sau.

Kind schreit, sie weint. Er steht auf.

–          Für wen mach ich das hier eigentlich? Fahr ich wegen mir in den Zoo oder was?

–          Da kannste gleich bleiben, bei den Affen!

–          Und du bei den Elefanten! Oder den – wie heißen denn die dicken mit dem Ding, na?

–          Du bist doch so blöd, echt, den ganzen Tag Glotze und dann nichts wissen, das ist der Hammer, echt.

–          Von wegen Glotze, wegen dir und der Fiona fahr ich hier mit, kostet einen Haufen Kohle der Zoo hier, aber sie macht einen auf blöd, echt Scheiße hier. Warum macht man bloß den ganzen Dreck, echt, so ein Dreck. Nikolaus, echt zum Kotzen. Echt. Diese ganze Nikolausscheiße hier.

–          Fahr doch nach Hause, ich brauch dich nicht!

–          Ja dann fahr ich!

–          Ja fahr doch!

–          Ja dann fahr ich!

Tierpark. Sie nimmt das Kind auf den Arm, geht hinaus. Er sieht ihr nach, packt den Kinderwagen und schiebt rückwärts hinaus.

–          Sandy! Sandy jetzt warte doch! Ich habs doch nicht so gemeint! Mausi! Bleib stehen!

lebens_art

Auch der Herr Pschorr stieg aus und stolperte dabei über ein vierjähriges Kind.

Öha, meinte er.

Und das Kind brüllte fürchterlich, denn der Herr Pschorr hätte es fast zertreten. Dann fuhr der D-Zug wieder weiter.

Ödön von Horváth, Kleine Leute, Timotheus Pschorr aus Pathenkirchen

panorama lounge

was ist die panorama lounge und wo befindet sie sich?

trotz gegenteiliger meinungen und erfahrungen bin ich gestern gut durch winterdeutschland mit dem zug gekommen – ohne verspätungen, verpasste anschlüsse oder sonstige hindernisse. ich weiß auch nicht, wie das vor sich ging, aber wir sind irgendwie unter dem eisregen einfach durch.

zusammen mit sieben anderen passagieren bekam ich ohne besonderen grund und trotz spartickets zweiter klasse einen platz in der panorama lounge am vorderen ende des ices richtung süden. mit fabelhaftem blick auf den rücken des zugführers und mit ausblick auf die vor uns liegenden geleise. da bleibt nur zu sagen: wenn nur der nebel nicht gewesen wäre. ansonsten nothing to complain – was an sich schon komisch.
(an die frau vor mir, die dachte, weil sich das innenraumlicht bei zunehmender dämmerung an der an der glaswand zwischen zugführerbereich und passagierkabine spiegelte, der lokfahrer könne nun wie wir gar nichts mehr sehen: auch wenn ich nichts gesagt habe: ich weiß es besser: seine vorderscheibe ist geneigt und er kann im gegensatz zu uns trittbrettfahrern trotzdem nach draußen schauen).

neue erkenntnisse an diesem tag:

  • auch lokführer begrüßen sich gegenseitig, wenn sie sich auf den strecken begegnen per handgruß;
  • anstatt einen (klima)zugluftknopf zu drücken, lüftet der fahrer seine kabine selbst per hand mittels eines seitenfensters während der fahrt;
  • und: auch wenn eine automatisierte frauenstimme in rhythmischen abständen „störung, störung, störung“ meldet, hat das nichts zu bedeuten – selbst wenn sich der ruf stundenlang wiederholt und der abgelöste fahrer seinem kollegen irgendwas wegen der einen nicht funktionierenden bremse erzählt.

nach der fahrt ein gefühl des niemals unterwegs gewesen seins. das ist mobilität zwanzigxy. ich will nie wieder in überfüllten großraumabteilen im handybereich neben chipsessenden kopfhörervibrierenden mittzwanzigern mein leben auf der straße fristen: ich will immer nur und immer wieder in die panorama lounge. so und nicht anders muss erste klasse fahren sein.
(nur zeitungen gabs keine. aber wer vertieft sich schon in ein blatt papier, wenn er mit zweihundert sachen durch das nichts, neben dem die welt liegt, sausen kann.)

hinten anstellen

berlin hat endlich wieder ein neues musical –
wo wir schon so lange drauf gewartet haben!

man hat es gar nicht mehr kommen sehen und
plötzlich hoppla die hopp
ist es doch da.

und wie durch ein magisches wunderbunder kreist im kopfe eines jeden, der vor einem hinterm horizont plakat auf die ubahn wartet,
ein fettbäuchiger ohrwurm, sich langsam durchs gehirn windend,
alles verschlingend, was sonst noch hätte gerade eben als licht entstehen können,
und dafür großblasige dunkelheit hinter sich lassend.

hinterm horizont gehts weiter la la la la (originaltext).

nein, an sich ist das gar nicht so schlimm, nein.

schlimm ist, dass man jedes mal hinterher mit dem unguten gefühl dumm rumsteht, hinter diesem hintern stecke ein kluger kopf.

(geh raus, los, raus, geh raus, raus, herrschaft!)