kungsleden (2023) – rakt fram 13/25

tag 13: pieteälven – barturtte (12.7.)

(c) kaschpar

hej_då

morgens um 5:30 uhr steh ich schon wieder am fluss, um wasser zu holen + zu meditieren. es ist herrlichster sonnenschein + der pieteälven glänzt, als ob er nichts anderes zu tun. auch wenn die wolken jetzt erstmal wieder aufziehen + das land ins typische grüngrau tauchen: ich bin schon so weit gekommen, weiter, als ich gedacht. inmitten der zelte ist man gar nicht ganz verloren, im 1 oder anderen drehen sich die leute auf den matten, während ich abbaue + gerade, als die ersten zum utedass aufstehen, winke ich auch schon wieder hejdå.

vor der nächsten brücke hat auch jemand in 1 kleinen kule sein zelt aufgeschlagen + ist schon am inspizieren des tages. ich fülle an der brücke nochmal frisches wasser in die trinkflasche + beginne die tour, die mich heute zum barturtte führt, den gebirgsbogen, der sich hier über weite strecken hinzieht.

smultronställe (lieblingsplatz = dort, wos die besten beeren gibt)

seltsamerweise sind die nächsten tage in meiner erinnerung so rudimentär, wie bisher keiner der vorherigen. vielleicht ist zu viel passiert die letzten tage, vielleicht konzentriere ich mich auch so aufs gehen, schonen des linken fußes, dass ich die strecke durchs moor nicht so mitkriege. erst, als 1 kleiner see in schönsten farben untern vorbeiziehenden wolken hier+da aufflunkert, bin ich wieder hellwach. ich lege gleich nochmal 1 pause an 1 stein ein, entlaste den rücken vom rucksack, der mit jedem tag jetzt wirklich leichter wird, wo ich nichts auffüllen kann.

jemand geht vorbei, aber wie in weiter ferne. die moltebeeren sind noch nicht reif. als wir 2014 gingen, leuchteten sie schon von weitem wie kleine orangerote funken am boden wie in brandenburg im winter die hagebutten+vogelbeeren an den sträuchern. der anstieg zum barturtte hinauf ist 1 lange, zähe angelegenheit. ich teile sie gleich zu beginn, indem ich, kurz nachdem mir einige einzelne wander*innen entgegengekommen sind, in mehrere hälften, so dass ich auf 1 aussichtsplattform, wo gut 1 zelt platz hätte, schon mal die beine in den bach stecke +, wie mir der wanderer geraten, in die luft strecke.

hans guck in die luft

die wolken ziehen in hoher geschwindigkeit vom ständigen wind getrieben vorbei, in unterschiedlichen höhen, unterschiedlichen formen, unterschiedlicher geschwindigkeit. je höher man steigt, desto weniger mücken sind unterwegs. unten, wo meistens die zeltplätze, ists voll von ihnen. dieser abschnitt ist nur von pieteälven bis jäckvik ausgeschrieben, zum teil gibts schilder bis vuotnatjviken, wo das sámi-fischparadies liegt. bis dahin kann man sich überlegen, wie weit man geht, wo mans zelt aufbaut.

auf keinem anderen abschnitt ists so ungewiss, wo 1 guter platz für die nacht sein wird. es gibt einige vorschläge, die nach bergen/flüssen benannt, die sich selbst über kilometer strecken, dass nur die kleine rote linie des wanderführers 1 ahnung davon gibt, wo die vorgänger*innen übernachtet haben könnten. jetzt ists also wahr geworden: ich bin so weit draußen + abgeschieden von allem wie nie in meinem leben bisher. auf mich gestellt. mal sehen, was der humpelfuß dazu sagt.

barturtte

als ich die füße um 10 uhr gen himmel strecke, bin ich schon stunden unterwegs, aber nicht weit gekommen aufgrund der boden+bergbeschaffenheit. es könnte 1 langer tag werden. hinter mir zieht sich der gigantische tjieggelvas durchs land, 1 riesiger strom mit seebreite, der mit jedem höhenmeter größer zu werden scheint. je öfter ich mich umdrehe, desto mehr pausen kann ich einlegen. kurz vorm plateau, das diesmal wirklich nach 1 langem anstieg das ende des aufstiegs bedeutet, hockt noch 1 großer stein für 1 weitere rast. ich setze mich öfter, entlaste den fuß, den rücken, den kopf. wenn ich nur langsam gehe, ist alles kein problem.

in 1 raststuga werde ich später 4 niederländer*innen treffen, die in hemavan gestartet sind. sie werden mich, die ich schon 3 wochen unterwegs sein werde, fragen, was der schönste teil gewesen sei bislang. erst meine ich, dass ich keine antwort habe, dann rufe ich: barturtte! ich glaube, das würde sonst niemand sagen. als ich die anhöhe geschafft habe + 1 stück um den berg bin, taucht hinter 1 kleinem steg 1 steinlandschaft auf, wie ich sie noch nicht gesehen.

“I don’t no where I’m going, but I’m on my way”

wie die mondlandschaft, die der schwede in aktse vom eissee im winter berichtete, sieht hier das sommerfeld zwischen den berggipfeln aus. als ob jemand 1 kiste grauer riesenlegos ausgekippt + nicht mehr zusammengebaut. es ist 1 hindernislauf mit zahlreichen kleinen bächen, die seit jahrtausenden hier kleine gräben geflutet haben. dazwischen kleine blühende oasen, die das herz aufgehen lassen.

ich kann nicht sagen, was genau mich an dieser landschaft fasziniert, warum ich so emotional werde. aber hier ists, als ob ichs geschafft hätte. nachm skierfe ist das hier der punkt, an dem ich angekommen bin. deswegen bin ich da. ich schieße einige fotos in allen richtungen, aber wie aufm nebelberg vor aktse sieht hier in allen richtungen alles gleich aus. 2 wander*innen kommen mir entgegen, wir laufen aneinander nickend+lächelnd vorbei. hier gibts keine worte.

miss vertrauen

noch ein paar mal drehe ich mich um die eigene achse, dann prüf ich die richtung, wie ichs gelernt: woher bin ich jetzt gekommen? kein nebel, kein regen, nichts, was meine aussicht behindert. aber plötzlich weiß ich nicht mehr, wo ich bin, woher ich kam, wohin ich ging. 1 schockmoment: ich denke ans verirren aufm berg, kriege keine luft + misstraue mir selber: das darf dir nicht nochmal passieren! auf keinen fall! jetzt nicht. nicht hier! bloß nicht unfähig sein, nach so vielen wochen kanns ja nicht sein, dass ich jetzt noch unfähig bin. als ob die schrecksekunde sich jederzeit wiederholen könnte: es könnte was passieren!

ich prüfe den kompass, checke das handy – plötzlich weisen die nadeln in verschiedene richtungen, wie sies schon mal zu beginn getan. die panikattacke bekommt den raum, den sie sucht: ich bin im steinmeer verloren. ich hampele vor+zurück, mit jedem umdrehen weiß ich noch weniger, aus welcher richtung ich kam. 1 fehler ists nur, wenn dus wiederholst! ich prüfe die fotos, aber selbst hier kann ich nicht sagen, welches in welcher richtung aufgenommen.

jåhkagasKATJÅrro

es gibt keine lösung im außen, es gibt sie nur in dir. du musst dir selbst vertrauen. du musst auf deinen inneren kompass hören. + vor allem: du darfst dir nicht böse werden, wenns nicht klappt. du musst loslassen vom “du darfst nicht/du musst”. du bist vorbereitet, hast an alles gedacht. du darfst auch fehler machen. du musst nicht alles im griff haben/perfekt beherrschen. du darfst dich verirren – meine güte: du bist nicht auf 1 polarexpedition + durchquerst nicht grönland (?) im winter, wo jede rosine über dein überleben entscheidet wie beim norweger (?), dessen vortrag du bei globetrotter gehört, dessen namen du leider vergessen hast, aber das bärtige gesicht noch immer vom cover schwarzweiß dir im kopf herumspukt.1

(c) kaschpar

ich stecke die karten ein + sehe mich nochmal um. gefühlt kam ich von – da. die wander*innen kamen von dort. also gehe ich – da – nein dort lang. man kann die panikattacke selber drosseln mit atmen. luft holen + ein+ausatmen. tief+langsam. je langsamer der atem fließt, desto langsamer schlägt das herz. das beruhigt. nach ein paar schritten grummelt der magen, dem ich vorhin 1 snack verpasst habe. ihm wär doch noch bisschen mulmig. also schau ich nochmal kurz aufs handy. anscheinend bin ich in der richtigen richtung unterwegs, der kompass stimmt wieder mitm mobile überein. das war knapp. der name des gebiets, wo ich gerade war, entpuppt sich als jåhkagasKATJÅrro.

reTRAUMatisierung

vielleicht bringt man sich selbst unbewusst wieder in die traumatischen situationen hinein, um 1 neue erfahrung zu machen. nicht nur absichtlich wie mitm lauf aufn skierfe. sondern so wie hier: allein das gefühl, dass 1x zu viel umgedreht in 1 landschaft, die nicht zu unterscheiden, die gefahr bedeutet, 1 fehler zu wiederholen. 1 geübte*r wander*in würde die richtung des bachlaufs kennen. vielleicht die form des berges.

ab jetzt werde ich, zumindest bis zum ende der etappe, sobald ich ihn sehe, den tjieggelvas orten können zu meiner linken, zur rechten laufen die gebirgszüge, skálbmo, áksek+njássja. ab jetzt werde ich die einzelnen punkte genauer im blick haben, damit ich mich schneller wieder orientiere, ich werde nicht mehr so tief in gedanken+emotionen versinken, dass ich plötzlich aufgeschmissen bin. zumindest die nächsten stunden …

don’t leave – don’t loose

mini-panikattacken, was alles weg ist sein könnte:

  • das feuerzeug
  • der kocher
  • die matte die ganze zeit
  • die richtung, wenn die kompassnadeln in verschiedene richtungen zeigen, wieso auch immer

I see you

(c) kaschpar

1 perfekt getarnter vogel in den farben der steine: grau mit weißen flechten, die, wie ich neulich erst erfahren, 1 mischung zwischen pilz+alge/bakterie, lässt sich in ruhe fotografieren. mit der neu entflammten lust, mehr begriffe zu haben als vogel+ente, finde ich den snösparven, aber ich bin mir nicht sicher, ob er 1 ist.

mitm übertritt ausm schuttfeld heraus in zurück ins bestrauchte fjäll kommt 1 renvaktarstuga in den blick, die auf meilen alles im blick hat. es fühlt sich seltsam an, stundenlang auf 1 hütte zuzugehen, ohne je anzukommen, gleichzeitig nicht zu wissen, ob jemand dort ist. auch an 1 alten renvaktarstuga kommt man vorbei aufm weg, eingebaut in die landschaft + von weitem nicht zu unterscheiden von 1 stein. wies aussieht, wird sie noch immer benutzt, nur unklar, von wem. seltsam, wenn man hier mülltüten rumliegen sieht. sie gehören nirgends hin, aber hier sind sie 1 zumutung. ich kann sie aber auch nicht mitschleppen. ich nehme später noch müll mit, aber momentan ist mir mein eigener genug – anfassen möcht ich das fremde päckchen auch nicht.

mittags: pause!

als ich raste hinter 1 stein, der bisschen windschutz gibt, koch ich mir 1 suppe. ja, ich mache richtig pause, mit auspacken, gaskocher rausholen, aufkochen. ich verbrauche den halben liter zusatzwasser in der hoffnung, die mich bisher getragen: der nächste bach wird kommen.

es geht mir nicht nur ums pausieren, sondern um mehr. anscheinend hat man endlich die neuronalen funktionen entdeckt, die fürs emotionale essen zuständig sind: es sind proenkephalin-moleküle. wenn wir stress haben, reagiert der körper zuerst mit herzklopfen, schwitzen oder zittern. stunden später kann v.a. viel fettiges (trost-)essen helfen, die anspannung zu lindern + 1 gefühl der kontrolle geben, so diese studie laut diesem podcast. sobald die therapien gegen gestörtes essverhalten entwickelt sind, bin ich dabei!

die neue renvaktarstuga ist auch nach der rast noch den ganzen berg hinauf in meinem rücken. wahnsinn, wie sies geschafft haben, mit nur 1 kleinen hütte 1 gigantisches gebiet im blick zu haben. man kommt ihr nicht aus.

ich fülle die trinkwasserflasche, die kleine noch 1x auf am bach + 1 wanderin + ich begegnen uns schweigsam. dann wird der tag schon lang. ich bin seit 8 stunden aufn beinen, der lange anstieg aufn gásakláhko zieht sich mit 1 leichtem niesel hin. am båråktjahkka solls zeltmöglichkeiten geben, ich hoffe, schon vorher 1 platz zu finden. doch bei der einzigen wassertankmöglichkeit ist alles nass+sumpfig. der boden glänzt stellenweise in regenbogenfarben, dass ich unsicher bin, ob ich hier überhaupt wasser auffüllen soll – vielleicht hat jemand hier benzin verloren mitm schneemobil?

my deer dear

also gehts den nächsten anstieg hinauf – “jetzt müssen wir bissl draufhauen, sonst werden wir nicht fertig”, sagt die mama, wenn ich in meinem langsamen takt herumgeschludert habe.

irgendwann tut sich vor mir der bartávrre auf, der nächste fluss samt tal. ich lege den rucksack ab + laufe auf der suche nach 1 zeltplatz herum. abers gibt keine hinweise mehr. keine steine 1 feuerstelle, keine strauchgeschützten plätze, kein wasser. nur 1 abgeworfenes einsames halbes rengeweih. es ist wie 1 zeichen. viele wander*innen stecken sich die hörner hinten an ihre rucksäcke, große knochige souvenirs. ich kanns nicht mal anfassen. es gehört genau hierher + nirgends sonst.

ich setze den rucksack wieder auf + laufe weiter. mitten im nichts steht 1 wegweiser + zeigt an, dass du dich auf 1 weg befindest. du bist nicht im nirgendwo. hier ist 1 anfang + dort 1 ende oder andersherum. ich bin 12 stunden unterwegs, als ich endlich 1 wasserlauf finde + mit ihm sofort zweidrei mehroderweniger gute möglichkeiten für mein zelt. zu parken, sag ich immer, dabei habe ich seit jahrzehnten kein auto mehr. ich schlage langsam+müde meine haken in den boden + spanne die schnüre, wasche mich dürftig, koche 1 dickes mahl. esse fast alle schokolade auf. dann fall ich in die federn. morgen komm ich schon nach voutnatjviken, da gäbs wieder unterkunft, wenn ich wollte, bei der fischerfamilie. dann ists nur noch 1 nacht bis nach jäckvik, wo ich 1 kleinen zivilisationsschock haben werde wie in jokkmokk.

am 13.07. um 00:00 uhr bin ich wach + mache 1 screenshot, wo seit mehreren jahren nun der sonnenaufgang vom tollensesee leuchtet. als ich hinausschlüpfe ists ungewöhnlich hell + das zelt leuchtet im nächtlichen morgenrot, das die sonne aus ihrem vermeintlichen untergang mit breiten strahlen durchfächert schickt. alles gute zum geburtstag, liebe n.! danke, dass du (nicht nur) mein notfallkontakt bist!

it’s togoodtogo

  1. und wie sich nach monaten herausstellt: auch als bild von der lesung an deiner wand der schönen dinge prangt ↩︎