st. olavsleden 2022 (tvärtom) 3/27

st. olavsleden

trondheim – sundsvall, 650 km

tag 3: folden gard – stjørdal (23.8., 24,3 km)

ich stelle alle gelöschten fotos wieder her

nicht, dass mir doch 1 gutes durchrutscht, das besser gewesen wäre als 1 anderes. dann wähl ich halt erst aus, wenn ich daheim bin.

anstatt das müsli ausm rucksack zu essen, gehe ich morgens um 8 zum farmer bernt ins haus hinüber zum frühstück. es ist alles schon fertig + das haus so warm, dass ich fast schwitze. ich musste nachts mein fenster schließen + morgens wars leicht gefroren. der daunenschlafsack (förlåt, gäss) für unten + die künstliche “daunen”jacke für oben sind zusammen das perfekte team für die inhouse-übernachtung.

überhaupt ist die jacke bisher das beste, was ich neu habe, auch wenn ich wie die 3 engländer*innen in trondheim (die sich zwischen die deutschen geschlichen haben) wie 1 michelinmännchen aussehe. erkenne auch schon am grad des glanzes + softigkeit der wölbung der füllung die qualität: ah: superdünn highperformance; ah: billigmarke ausm konfektionsgeschäft/kein outdoor; ah: das mit der pfote.

der tisch ist proppenvoll mit ost, ägg, bröd och kaffee (ost, egg, bröt og kaffe) – bernt trinkt tee. er muss gestern nochmal meine mail gesucht haben, denn er erinnerte sich an das vegetarische frühstück + die frau, für die er das große zimmer freigehalten hat, ist nicht gekommen = ist schon da = ich. das kinderzimmer passt zu mir.

frühstück beim hausherren 

ich bin im philosophischen I’m-on-the-road-modus + wir plaudern übers leben + seine optionen. schon gestern die großen themen angeschnitzt wie “they1 say that you are something eller you have something + I wonder what you have to have to be someone“. jetzt gehts so weiter ins volle mit all den lebensthemen auf englisch + bernt geht mit allem mit. die reha: schmerz ohne kroppen aber im kopf: känner du det? ja, det känner jag. es ist wunderbar. ich sage dinge, von denen ich nicht wusste, dass ich sie sagen würde wie: z.b. ich brauche 1 change in life, what you do with your life, the rest of it + perhaps to become stugvakt – wenn das kein hint ist.

ich packe meine herkunft aus + die wirtschaft + wie man nie gast ist, immer nur wirt + die schwester, die nach hause zurückgekehrt ist, + die andere schwester, die erst ausziehen konnte, als die andere zurückkam, weil ich längst weg, und welche wege man wählt oder ob die wegen eine*n wählen + er meint, es gehe vielen so: man habe immer mehr optionen + dann nimmt man 1. jag tycker dass wir nicht auf dauer alle optionen offen halten können (und meine, dass es uns unglücklich macht, aber sage es nicht).

wir sprechen über unsere namen + ich erfahre, dass es meinen namen im norwegischen+schwedischen gibt + werde gefragt, was er in meiner sprache bedeute: und ich erzähle vom vater, dem schraml, der seite des unnützen unmusikalischen saitenschrammelns des luftikus, und seiner frau, meiner mutter, dem fräulein nutz, das die sinnhaftige bodenbeständigkeit + das brauchtum in der ehe verankert hat. aber die wahrheit erzähle ich nicht.

ich erzähle nur die geschichte.

mein name aber, in dem die eingeheiratete nützlichkeit unter+verlorenging, bedeutet im nordischen: geklapper/gerassel. lärm machen halt.2 und bernt ist die kurzform von bernhard mit t + kvam 1 sackgasse + folden = falten wie im englischen, aber die sackgasse hab ich vermutlich falsch verstanden, beim recherchieren finde ich nur die bedeutung “trong dal, vik; avkrok”, also enges, schmales dorf/bucht bzw. nest/kaff – zumindest nicht ganz so weit entfernt von der sackgasse.

leute wie ich seien es, sagt bernt plötzlich aus dem nichts heraus, wo er wieder weiß, warum er das macht + nicht wie im sommer mit 15-20 leuten, sondern solche begegnungen. er sagt es 2x, damit ich es auch wirklich verstehe + dass es angenehm sei, mit mir zu sprechen. ich vergesse ihm zu danken, dass er hier ist (tack att du finns!), wo ich vorbeikommen kann + 1 dach überm kopf (taket över huvudet) erhalte.

anke holt ihre wäsche ab, die sie im haus gewaschen + getrocknet hat, weil die geräte in der stuga kaputt sind. ich wüsste nicht, dass man das fragen könnte: kann ich die wäsche hier bei dir im haus waschen, aber es geht für anke + bernt hat ihre sachen aufgehangen, weil der trockner auch im 3. anlauf nicht alles trocken gekriegt hat. sie staunt über die wärme + den vollen tisch, während ich mir gerade 1 lunchpaket einpacke („du spiste så liten“).

als ich gehe, dreht sich bernt um + sagt, ich solle ihm 1 sms schreiben, wenn ich in sundsvall ankomme + wird damit unwiderruflich zu meinem anker der reise wie doris in der reha + natascha+christiane im leben + ich bleibe ihm verbunden wie das kind, das immer so weit geht, wie die nabelschnur reicht, im wissen, am anderen ende sitzt jemand, d. alles im griff hat. det gör jag. erst, als ich auf meine sms/mail keine antwort erhalte, kappe ich das seil.

ich bin die attraktion

weil ich anders_rum_gehe. bernt meint, es kämen quasi nur 5 im jahr auf diese idee. warum sollte man auch 1 pilger*innenweg tvärtom gehen. dieses jahr sei ich die erste. die saison ist in 10 tagen vorbei, wer soll mir den platz da noch streitig machen? später werde ich 1 frau treffen, die 1 mann traf, der ebenfalls andersrum lief, aber “nur” bis östersund. ich werde fast verrückt werden, weil man die leute, die in die gleiche richtung gehen, entweder nie oder nur abends in 1 unterkunft trifft + ich, als ich von seiner existenz erfahre, dauernd drauf warte. überhaupt werde ich dauernd auf dinge/leute warten, die mir angekündigt werden, es wird zum verhängnis.

anke hat maxi da gelassen, der müde sein müsli isst. er erzählt von seinem studium in uppsala + jetzt weiß ich, wo all die spusileute aus den sokoserien ausgebildet werden. ich muss noch die krallwunden der mieze verarzten, von der niemand dachte, dass sie sich doch noch 1x ruhig + zufrieden niederlassen würde, direkt auf meinem schoß. ich weiß nicht, was es ist, aber 1 katze kann ich nicht widerstehen, sobald sie sich es sich auf mir bequem macht, bin ich wie gefangen + kann nicht mehr gehen.

meine gewaschene wäsche ist nass + dreckig, keine ahnung, wie ich das fertigbringe. es hilft nichts, ich habe nur diese wanderhose, die andere ist wirklich nur die ausnahme + die lange unterhose zählt nicht für draußenkleidung. weniger gepäck heißt weniger waschen, sonst geht sichs nicht aus.

wir erzählen uns noch ein wenig über die strecken, die vor uns liegen (matsch + matsch), dann verabschieden wir uns. ich gehe los. es ist schon spät.

kein wlan nirgends

der groß angekündigte wasserfall storfossen ist von weitem 1 rinnsal, man kommt gar nicht ran. den anderen haben wir gestern ausgelassen, weil es 1 umweg gewesen wäre + wir waren ja schon so müde. es wird noch 1 kommen. (+ noch 1 + noch 1 +)

vielleicht kann ich jetzt schon normal sein mit menschen. zumindest 1 wenig. ich habe gespräche geführt, saß an privaten frühstückstischen + habe menschen, die ich nicht kenne, umarmt. seltsam, wie ok sich das anfühlt. als könnte mir hier nichts geschehen.

ich habe 2 tage matsch vor mir, alle reden nur vom matsch. wenn der weg nicht an der straße langgeht, geht er durch mud. ich werde es vermissen, dieses norwegen, wo der weg auf+abwechslungsreich unvorhersehbar ist, später wird es recht lang+weit. und obwohl ich 1 freund*in der fluchten bin, bin ich zum 1. mal nicht davon überzeugt, dass es immer so gut ist, zu wissen, was kommt.

ich schieße wenig fotos, weil ich mich so konzentrieren muss + mir ständig sage: das macht mir doch spaß! es wäre doch furchtbar, wenn es mir keinen spaß machen würde + im november werde ich 1 beitrag löschen von vor 5 jahren, wo ich genau das geschrieben habe + an die arbeit dachte. überhaupt macht nichts sinn, wenn es eine*m keine freude bereitet. es muss nicht spaß machen, nicht immer, aber wenn es nur skit ist fy fan, ists nichts.

immer gut ist, sich zu fragen, ob mans nochmal machen würde. nein. vielleicht in der anderen richtung, ja. den weg meine ich. die strecken auf der straße auslassen. hoppa över.

wie könnte ich denn jetzt stugvakt werden?

wie könnte man 1 herberge nachhaltig bewirtschaften? mit wasserdurchläufen 2-3x von der dusche über die wäsche ins klo. oder klo mit dünger + wasser von der dusche über die wäsche in den putzeimer. wie gestaltet man räume? scandinavian design. neue wäsche + decken + aufräumen. entstauben. und wie die medizinische versorgung hier ist + ich habe vergessen, dass norwegen nicht in der eu ist + ich lerne ja schwedisch.

die gedanken beschäftigen mich so, dass ich sonst wenig mitbekomme vom tag. dazwischen schotter matsch asphalt bei sengender hitze. ellenlange stromleitungen + 1 tiefes surren. keinerlei mücken, auch heute noch nicht, dabei das super myggmedel noch bestellt, das schwedische, natur + trotzdem wirksam, das muss man mal hinkriegen, die kombi. das können wir auch nicht wegwerfen, das müssen wir mit uns tragen bis zum ende.

das alte norwegische pärchen, das uns anspricht, als wir uns aus dem bach wasser holen, weil bisschen weniger jetzt ersatzwasser im rücken: irgendwie versteht man sich, ohne sich zu verstehen. die sonne machts! der matsch macht uns heute gar nicht so viel mud aus. wir denken an die pause + den mund voller blaubeeren schmeckt das lunchpaket doppelt so lecker. danke bernt. weil wir keine bank finden, setzen wir uns auf 1 stufe vor 1 hohen stein. wird schon keine*r kommen. (of course not.)

nur 1 mal beim umklettern 1 felsens + schlittern über rutschige bohlen fragen wir uns, wie fit man sein muss, um den weg gehen zu können. zwischen den moorpassagen schlängeln wir uns auf trockenen trampelpfaden durch die nadelwälder auf+ab wie auf dem eifelsteig. dann werden die wege wieder breiter, steiniger, bis die sonne schließlich auf den asphalt knallt + wir fühlen uns:

die letzten km schaffen wir auch noch, obwohl sichs in die stadt hinein zieht. wir haben nicht abgekürzt, obwohl uns der name des vororts hell angezogen hat.

in stjørdal habe ich 1 unterkunft in 1 hundehütte gebucht. die stuga war schon weg, aber die kleine hütte hinten dran noch frei, ohne alles, also wirklich nur hütte + wasserkocher. toilette + dusche im haus. das nehm ich doch!

doghouse sage ich, bernt nennt es netterweise dollhouse. als ich bei guri ankomme, kommt claudia aus cham, der ich wie maxi am englisch anhöre, dass sie aus deutschland kommt + am deutsch, dass sie aus bayern kommt, aus meiner gebürtigen gegend.

wir sind überbucht

guri hat 2 unterkünfte + 3 verkauft. es ist noch nicht klar, wo ich schlafen werde, weil ich die letzte der 3 bin. wir erwarten noch 1 deutsche: anja aus heidelberg. dann sind wir komplett.

während claudia + ich kindheitserinnerungen + weggeschichten austauschen – es ist, als wären wir jede bei der anderen dabei gewesen -, laufen guri + ihre familie samt hund um uns herum + bieten uns erfrischungen + snacks an. guri versteht mein schwedisch nicht, ihr kann ihr deutsch nicht deuten. aber auf englisch geht alles ganz gut. am ende kriegt claudia das dollhouse + ich die grillhytte – wo eigentlich niemand schläft (bis ich nach troset komme, wo das 1 normale unterkunft ist).

ich habe abendessen mitbestellt + kriege 1 kompletten tisch voll mit suppe, brot + käse – wobei ich nicht weiß, ob das speck ist, was im bohnenstampf schwimmt, oder was anderes, aber es kann ja nicht sein, weil ich kriege ja auch vegetarisches frühstück, während mein rucksack vor essensvorräten überquillt. als bezahlung verlangt guri nur, was ich zahlen will, das essen kostet im vergleich mit den preisen aus trondheim 1 scherz.

anja aus heidelberg kommt + wir sind jetzt zu dritt. die 3 frauen från grill. wir sitzen frisch geduscht + von guri mit kanelbulle versorgt in der grillhütte + erzählen uns von unseren leben daheim, weit weg. anja hatte 3 tage urlaub + sieht angestrengt aus, sie fliegt morgen über london nach schottland, wo sie die nächsten wochen 3-4 reisegruppen leitet. claudia ist lehrerin + ohne freund den gudbrandsdalsleden (1 der anderen 9 pilger*innenwege richtung trondheim) gelaufen, aber hat jetzt wegen ausrüstungsmangel vor dem fjäll halt gemacht + fährt zurück, mehr zeit sei jetzt auch nicht gewesen. wir sind alle in der stimmung des: “wenn nicht jetzt, wann dann”, ein wenig fin de siècle. untergangsstimmung, nur dass der krieg schon da ist, wenn auch nicht in unserem (urlaubs)land.

claudia lehrt mich das bayrische wort froas, das sie bildhaft übersetzt, indem sie sich die haare rauft + erklärt, dass ihre mutter den froas3 bekommen hätte, als sie erzählt hat, sie wolle alleine wandern gehen, jetzt, in ihrem alter. das kommt mir bekannt vor. wir bräuchten noch 1 glas sekt, dann wäre der mädelsabend perfekt. sogar das kann ich. mädelsabend.

ich mache es mir gemütlich mit all den decken + buche noch ein bisschen vor. jetzt, wo ich in der hütte liege, legt sich mit mir auch der herzschlag, der sich vorhin, als nicht klar war, wo ich schlafen sollte, überkopf erhoben hat, um anzuzeigen, dass die angst im knochenmark stets recht behält: irgendwas ist immer. und mit dem blanket decken wir sie zu + beruhigen sie: ja, aber schau: es gibt immer 1 lösung. es geht sich aus. es wird schon. sh sh. god natt.

1erich bloch actually 
2gut ist übrigens, wenn man altbekanntes überprüft + feststellt, dass schraml auch 1 diminutiv (was sonst) sein könnte vom namen schramm, auf felsspalte/loch bzw. im beruf d.jenige*n bezeichnet, d. d. felsspalt/loch schlägt, zurückgeht
3Frais (Fraisch, v. althochd. freisa, »Gefahr, Schrecken«), Krampf, Epilepsie; daher Wurmfrais, Zahnfrais, die Fraisen: Kinderkrankheiten mit Krampferscheinungen. – Auch bezeichnet F. die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod. Daher hieß derjenige, dem die letztere zustand, Fraisherr, das Gericht aber, durch das er sie ausüben ließ, Fraisgericht. Die Bezeichnungen: fraisliche Obrigkeit, Fraisbuch, Fraispfand etc. finden in dem Gesagten ihre Erklärung. Vgl. Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer (4. Ausg., Leipz. 1899).
auch schön dazu: die froassackerl
 

what I wanted to tell you though: I didn’t go through hell

https://www.kaschpar.de/2022/09/20/what-i-wanted-to-tell-you-though-i-didnt-go-through-hell/