schramltours: fürstenberg/havel – rheinsberg

wachen Sie 1 tag vor Ihrer nächsten tour auf und fühlen Sie: es hat sich etwas verändert. die letzten tage waren Sie mit dem regen niedergeschlagen, sind 1 schlammlawine gleich durch Ihr dasein gerutscht, erst plötzlich der schnelle abgang, dann zügig alles in/unter sich vergrabend, mit der neigung fahrt aufnehmend, nach einiger zeit im flachland abebbend. nun erstehen Sie auf ausm geröll + bahnen sich Ihren weg durch die folgen der katjastrophe in hoffnung auf wiederaufstieg.

die übernachtung in prebelow haben Sie vor wochen gebucht. die zeichen stehen auf sonnenschein. es gibt keinen grund nicht zu gehen. nicht wahr? also los. Sie haben den tag frei + können nochmals Ihre routen durchgehen. Sie entscheiden sich statt beginn in neustrelitz (einfach weils weniger kostet?) für fürstenberg/havel, dann haben Sie von dort aus fast alle richtungen durch, nur die nach neustrelitz über den buchenwald fehlt noch, aber das wären über 40 km nur mit übernachtung zu schaffen. und nach diesem wochenende werden Sie an diesem gelingen endgültig zweifeln..

fürstenberg (havel) – rheinsberg, 57 km, 12:55 std. zzgl. pausen + übernachtung in prebelow

Sie lassen es morgens mit der abfahrt gemütlich angehen, der früheste zug kommt um 6:45 uhr an – 1 dämmerungs/nachtalternative gibt es nicht, es wäre sonst auch zu lang, bloß nicht wieder 3 stunden vor der jugendherberge aufs einchecken warten. den bahnhof in fürstenberg kennen Sie jetzt schon, Sie können es nicht erwarten loszulaufen. es geht auch ganz gut, nur der rucksack ist so schwer, ohne dass Sie sagen können warum. wieder die avocado? warum haben Sie auch so viele vorgereifte gekauft?

wie lange hält die hüfte wohl am ende der 2. woche der 2. spritze? nehmen Sie die ibu lieber gleich, der piriformis steht mit Ihnen nicht auf gutem fuß. auch die strecke ist halb so schön wie gedacht, weil wieder das gesamte seeufer privatverbaut. wieso denn nur? gleich zu beginn die ruine, ihr spiegelbild, samt der versprechung 1 verheißungsvollen zukunft. wenn selbt jahrhundertealte gebäude wieder restauriert zu luxusobjekten werden können, warum gönnen Sie sich selbst nicht einmal solch 1 aussicht auf Ihre noch vorhersehbaren jahre?


versuchen Sie sich doch/nicht im optimismus. was bei anderen prima funktioniert, versagt bei Ihnen stets kurz nachm ansatz. gerade noch den „vergangenheitsmenschen“ lyrisch umgesetzt, da sehen Sie erneut an kalk+teerofen, was einmal bleibt. schätzen Sie zumindest Ihre bemühungen wert, hinter den schildern noch reste der bauten zu entdecken, lesen Sie dann „Sie stehen darauf“. am ende 1 haufen gras. eigentlich 1 beruhigendes bild.

laufen Sie kraftvoll, aber langsam weiter, hören Sie musik, lassen Sie die umgebung, die Sie nicht anspricht (Sie würden es eh nicht hören mit Ihrem kopfkino heute) unter Ihren füßen liegen + täuschen Sie sich in Ihrer stärke. wenn nach 3 stunden die kräfte schwinden, schieben Sies auf die hüfte, den zyklus, die ernährung, das alter, die mentale verfassung – brauchen Sie mehr? reden Sie sich ein, dass die grippe im dezember 2019 bereits 1 der 1. covid-19 erkrankungen war, der antikörpertest letztes jahr nicht sensitiv oder spezifisch genug, um das zu beweisen, und geben Sie vor, an long-covid zu suffrieren. es wird Ihnen jede*r gönnen.

denken Sie ab jetzt nur noch daran, wie heiß es ist, wie müde Sie sind, wie sehr Sie sich 1 einsame ruheoase wünschen. gehen Sie so 5 stunden weiter. schlangen kreuzen Ihren weg. wasser blitzt nur durch bäume zu Ihnen durch – oder hinter häusern oder campingwägen hervor. ab jetzt wird die tour zur tortur.

der staatlich zertifizierte luft erholungskurort heißt “hartenland” und es mag in der sandigen wüste der mark wie 1 witz erscheinen, aber die ruinenkulissen rundherum geben dem namen recht. Sie waren aber auch nicht im dorfkern, um dem ganzen 1 freundlicheres antlitz beizumischen. und irgendwie wollen Sie es auch nicht. es muss hart sein, wenn es so heißt.

retten Sie sich zwischendurch unter 1 wassersprenger. erleben Sie 1 glücksgefühl. genießen Sie es 1 zweites mal, es ist besser. 1 drittes mal 1 stück weiter ist es dann nur noch nass, aber auch das hilft. 

1 dummer fehler führt Sie über 1 weg um 1 dorf herum, das Sie hätten abkürzen können, Sie haben es verpasst und müssen nun durch 1 hybridroggenkornfeld. das genetisch manipulierte feld wird sicherlich gut gedüngt, es wächst so dicht, dass Sie angst haben, es könnte 1 mähdrescher kommen, denn Sie können nicht ausweichen. 1 fuchs am rande 1 freien fläche (unentdeckte historische kreisgrabenanlage oder wieder nur esoterischer kornkreisel?) mit 1 beute im maul versteckt sich im korn und lugt luchst zurück, beobachtet Sie misstrauisch.

schnell noch durchs brennesselfeld und an den verbotenen (noch nicht ganz reifen) früchten der marillenbaumanlage vorbei, der see, ja schön, lauter leute, weiter in den wald. Sie möchten sich hinlegen. aber es kommt nichts. Sie lenken sich ab mit der frage, warum Ihre sonnenbrille sofort beschlägt wenn Sie sie aufsetzen und bei fahrtwind im lauf abkühlt, aber Sie sie so dauernd putzen müssen. aber eigentlich fragen Sie sich nichts mehr, Sie hängen sich einfach nur an gedankenfetzen, die lau im sommerdunst baumeln.

nach zig kilometern können Sie nicht mehr, zum 1. mal seit langer zeit legen Sie sich, weil es sonst nichts gibt, am anfang des adamwaldes auf 1 baumstamm, achtung balance! und schließen die augen. 

keinbildpause

stehen Sie wieder auf, es sind nur noch 6 oder so km. die akkus Ihrer kopfhörer sind leer. gehen Sie weiter. das wasser ist zu ende. gehen Sie weiter. der nerv fängt an zu sprechen. gehen Sie weiter. Sie werden ankommen, die dame am empfang ist sehr nett, obwohl Sie nur 1 nacht bleiben. nehmen Sie die halbpension an, Sie brät extra für Sie vegetarische zucchinis. wenn Sie die badestelle nicht finden oder sie belegt ist, duschen Sie einfach. obwohl Ihr übernachtungsfass aufgeheizt ist, können Sie hier schon mal nach 1 bier kurz schlafen. Sie haben 1 sonnenstich + kriegen kopfweh. drängeln Sie später mit am buffet – es gibt kroketten! stellen Sie an der bootsstelle fest, dass baden verboten ist + mücken Sie umschwärmen. begeben Sie sich zur ruhe. denken Sie beim einschlafen an die avocado.


stehen Sie um halb 5 auf, Sie wollten zwar frühstücken, aber die hitze macht Ihnen angst. räumen Sie auf+ein, werfen Sie den schlüssel in den briefkasten, gehen Sie los. vergessen Sie die medikamente nicht, die Sie gestern nicht mehr genommen haben, weil sie außer reichweite lagen, und dazu 1 ibu, vitamin-d3 schadet auch nicht, jetzt wo Sie gerade erst die packung aus 2019 wiedergefunden haben.

kürzen Sie die strecke gleich mal um 4-5 km ab, indem Sie die extra runde um kanal+moor auslassen. erschrecken Sie nach 500 m, weil die linke arschbacke zuckt. fragen Sie sich die nächsten 5 km, ob es 1 nerv ist oder 1 krampf, ob die ibu wirkt oder nicht. kriegen Sie panik, dass Sie abbrechen müssen, versuchen Sie alternative kürzere wege zu finden, streichen Sie alle schönen umgehungen heraus + holen Sie 3 km herein, rechnen Sie aus, ob Sie den zug 2 std vorher kriegen. nichts wie zurück.

bemerken Sie nichts von der gegend. fragen Sie sich, was das für 1 wanderung sein soll. was das gestern für 1 lauf war. warum Sie dauernd an den marathon denken. wie Sie überhaupt mit diesem bein weiterkommen wollen. seien Sie betrübt. aber hören Sie nicht auf. ge_stehen Sie es sich nicht ein. im gegenteil. probieren Sie bei der traumhaften flucht 1 anlauf, aber hören Sie sofort wieder auf + entschuldigen Sie sich bei ihrem bein. fragen Sie sich, ob Sie sich selbst überhaupt zuhören. und was Ihr problem ist. denken Sie an Ihre entscheidungsschwierigkeiten.

seien Sie nicht traurig. nehmen Sie vernunft an. verwerfen Sie alles “nur schnell hindurch” bei der nächsten abbiegung, Sie können doch nicht auf den uferweg durch den buchenwald verzichten! die ibu wirkt + der muskel hat aufgegeben, gehen Sie zu, die 12 km reißen Sie doch auf der verbliebenen arschbacke ab! werden Sie sofort sehr müde + langsam, hören Sie podcast, am besten gleich den zum hai-finning (ach hätten Sie doch vorher gewusst, um was es geht!)

genießen Sie den weg, wenigstens ein bisschen, es ist wirklich schön! machen Sie zwischendurch mal 1 bild, so können Sie sich nachher erinnern. wissen Sie eigentlich, wie kühl die bäume im sommer sind? lehnen Sie Ihre stirn an die rinde, werden Sie 1 mit dem baum. werden Sie 1 buche. freuen Sie sich auf die badestelle, sie wird leer sein, Sie können kurz schwimmen, sich umziehen, in ruhe richtung schloss gehen, Sie haben sogar noch zeit für 1 kurzes stück richtung stadt, denken Sie nicht, dass Sie dort im café sitzend frühstücken, das schaffen Sie nicht, außerdem sind alle cafés + bäckereien auf Ihrem weg geschlossen oder (wegen corona?) pleite.

finden Sie 1 eiscafé für den milchkaffee, den Sie nötig haben, und kaufen Sie sich 1 eis mit 2 kugeln schoko+pistazie, schlecken Sie schnell, die sonne lutscht rutscht es Ihnen sonst weg. quälen Sie sich damit, dass Sie 1 zuckerhaltiges lebensmittel kaufen mussten, obwohl Sie keinen zucker essen wollen. streichen Sie den gedanken aus Ihrem kopf und finden Sie das eis sehr süß aber köstlich, best ice ever!

seien Sie am bahnhof froh, dass Sie nicht mehr als 17 min in der hitze hier rumstehen müssen, grüßen Sie beim einsteigen die frau aus der jugendherberge, mit der Sie schon auf dem grußfuß stehen, die mit mann + fahrrad nur halb so lang gebraucht und womöglich gut gefrühstückt hat. denken Sie an filterkaffee. denken Sie an die avocado. schwören Sie sich, nie wieder 1 avocado mitzunehmen. streichen Sie das wieder.

bemerken Sie beim notieren Ihrer erlebnisse Ihres bewusstseinsstroms rechtzeitig den umstieg in löwenberg, verpassen Sie fast den in oranienburg. kommen Sie im jetzt an. auf was haben Sie lust? denken Sie an hartmut rosa und was er über das begehren + die angst als grundmodi menschlicher weltbeziehung sagt, die immer auch kontextbezogen gelesen werden müssen. und wie aushilfskraft in der jugendherberge da reinpasst, und wie 1 boot auf dem see. und wie 1 schatten unter 1 buche. und falafel am kurt-schuhmacher-platz.

und kümmern krümmen Sie sich nicht über Ihr schleppendes erdendasein. vielleicht entpuppen Sie sich irgendwann mal als schmetterling. Sie wissen, es ist in Ihnen angelegt, Sie müssen es/sich nur ent_wickeln.

(c) kaschpar