schramltours – an der elbe entlang zur havel hinab

seien Sie hochsensibel, extremresonant + stimmgabelbegabt. Seien Sie sich unsicher, ob Sie nach all den hochwassserkatastrophen 1 erlebnisreiche wanderung durch schöne unberührte natur genießen möchten. sehen Sie sich nach den bevorstehenden gewittergebieten mittels regenradar um. entscheiden Sie sich spontan für 1 vor einiger zeit geplante tour auf Ihrer to-do-liste die elbe hinab zur havel – machen Sie daraus 1 verzweiflungslauf über den schmalen damm.

wittenberge-glöwen, 36,75 km, 6:02 std. zzgl. pausen + abkürzung quer durch die havel

danken Sie der zeitungsfrau bzw. ihrem mann, die um 4 uhr morgens ihren karren rumpelnd über die 25 cm stufe in Ihren hof hinein zerren, wovon Sie aufwachen – Sie haben nämlich vergessen den wecker zu stellen, ausgerechnet für 1 strecke, für die Sie die fahrkarte mit zugbindung vorab gekauft haben. dafür sind Sie früh dran und haben am bahnhof auch noch mehr als 20 min. umstiegszeit wegen der schlechten verbindung. hören Sie jetzt schon podcast, damit Ihnen Ihre gedanken Ihnen nicht in den weg kommen.

steigen Sie in wittenberge aus und beginnen Sie gleich zu laufen, Sie haben ja leicht gepackt, nur umziehsachen, den gürtel (the girdle) und die live-saver-boje für die durchschwimmung der havel. drücken Sie sich selbst die daumen, dass diese abkürzung der route klappt, sonst werden Sie nämlich einige kilometer zurück + 1 truppenübungsplatz umgehen müssen, und auf diese insgesamt 45 km sind Sie gar nicht vorbereitet.

tun Sie ruhig so, als würden Sie der uhr nicht glauben, wenn Sie Ihnen nach 1 km sagt, Ihre leistungsfähigkeit liege heute bei +2 (auf der skala von -10 bis +10), denken Sie ruhig an die tollen läufe, die Sie bei -4 geschafft haben. bei km 15 (und wenn Sie es sich eingestehen, schon früher), hat die uhr recht – und weil Sie die strecke nicht über die havel planen konnten, stehen von anfang an diese 45 km auf ihrem display, die einfach nicht weniger werden.

bei km 36 vor Ihnen haben Sie erst 9 geschafft und müssen jetzt schon die schmerzmittel einsetzen, weil die mittlerweile 2. spritze der orthopädin beim linken piriformis versagt. dafür hält das kleine päckchen durch – erwägen Sie trotzdem, sich die verschreibungspflichtigen 600 ibu zu besorgen – verwerfen Sie es wieder – Ihre organe kommen eh nicht hinterher.

nehmen Sie sich vor, dass Sie sich nie wieder medizinische laborergebnisse vor besprechung mit der ärztin Ihres vertrauens nach hause senden lassen, wo Sie in ruhe Ihre ganzen kaputten werte durchstudieren können, ohne dass Ihnen jemand dazu “im grunde alles in ordnung” sagt. freuen Sie sich, dass Sie Ihren cholesterinwert um 2 punkte unter die marke von “schwere schädigungen zu befürchten” gegessen haben. fragen Sie sich, warum der zuckerwert steigt, wenn Sie doch keinen zucker essen. grübeln Sie überhaupt sehr viel.

dann schalten Sie ab. laufen Sie. denken Sie nicht mehr nach. hoffen Sie auf die hormone. machen Sie ein paar bilder von der wunderschönen elbe, wie sie so ruhig und nur mäßig angeschwollen neben Ihnen dahinströmt.

sagen Sie hallo zu den schnecken, weichen Sie aus, das gehört sich, sorgen Sie sich vielleicht mal, ob Sie den baustellenumfahrungshinweis zu beginn doch hätten berücksichtigen sollen, weil so gar niemand unterwegs ist. freuen Sie sich dann, dass Sie trotzdem gut durch das gesperrte gebiet kommen und dass fußgänger*innen nicht mehr explizit genannt werden, freuen Sie sich, dass es diesmal kein kampfmittelräumungsgebiet ist. jetzt können Sie schon mal müde werden und über den schotter gehen, das ist ja quasi 1 erlaubte ausrede.

machen Sie überhaupt fotos oder videos, wenn Sie müde werden, wechseln Sie die musik, dehnen Sie die muskeln, beschäftigen Sie sich, denn wenn Sie nicht laufen, denken Sie wieder. nutzen Sie das nächste stück straße, um wieder in fahrt zu kommen.

freuen Sie sich über das schild vom biber, aber suchen Sie ihn nicht, Sie finden den bau nicht. freuen Sie sich über den storch, das storchennest und den anderen storch. überhaupt die tiere, die gänse, die wildenten (vildgässen), die schwalben an der brücke, wo sie über die havel gehen, steigen Sie auf die naturaussichtstürme, auch wenn es nichts zu sehen gibt, es muss sich nicht immer alles (extra) lohnen.

freuen Sie sich, dass die sonne noch hinter schleierwolken verborgen ist, und keine 28 grad pushen kann, Sie wollten ja unbedingt in die sogenannte schönwettergegend, die Sie sonst ja auch mal meiden. nehmen Sie sich vor, in zukunft die formel “sei doch froh” durch “sei dankbar” zu ersetzen.

es darf Ihnen ruhig vorkommen, als nähme die strecke kein ende, sie bleibt sich ja im grunde fast immer gleich – rechts die elbe, vor Ihnen der damm. dann schiebt sich irgendwann die havel heran und Sie laufen zwischen beiden eingekeilt voran. es fühlt sich aber nicht so an, wie Sie es später beschreiben.

überqueren Sie die bundeslandgrenze nach sachsen-anhalt, streichen Sie nachrichten aus dem kopf, Sie wollen doch nicht denken. konzenrieren Sie sich auf den damm. der radweg wird breiter. es ist genug platz. zur not wäre auch unten 1 zweiter weg. Sie wollen aber die aussicht. hilft Ihnen aber dann nichts, wenn Sie vor erschöpfung nur noch den pflasterblick haben. gehen Sie jetzt einfach nur noch, wozu rennen Sie überhaupt bei der hitze?

gehen Sie viele lange kilometer den damm hinab bei brütendem sonnenschein, erinnern Sie sich an die letzte etappe vom rheinsteig, der Sie zerbraten hat, schmieren Sie sich nochmal mit sonnenöl ein, wozu haben Sie das zeug dabei? zerfließen Sie. und dann biegen Sie ab.

laufen Sie noch ein paar 100 m und kommen Sie endlich an die stelle der havel, wo früher wohl auf der anderen seite 1 fähre war, jetzt aber am diesseitigen ufer nur noch seerosen + algen den weg ins wasser erschweren. packen Sie Ihre dinge in die boje + gehen Sie zum ufer. stellen Sie entsetzt fest, dass Sie von den schuhen, die Sie für den marathon vorgesehen haben, und die Ihnen schon einmal fast zum verhängnis wurden, krämpfe haben. den in der rechten wade haben Sie vorhin schon gespürt, jetzt aber verweigern sich beide füße.

nehmen Sie sich zeit. massieren Sie sohlen+spann, reden Sie den beiden tapferen treuen träger*innen all Ihrer last gut zu, das kühle wasser würde Ihnen gut tun. warten Sie ab. wünschen Sie sich, Sie hätten die apfelschnitze griffbereit, aber nochmal die boje aufreißen usw. nein danke. treten Sie langsam auf und seien Sie sich Ihrer verantwortung bewusst. begeben Sie sich nicht in gefahr, schätzen Sie die lage richtig ein.

vergessen Sie, die uhr wieder einzuschalten, so wissen Sie nicht, wie lange Sie gebraucht haben. wundern Sie sich nach zehn zügen, warum Sie so lange brauchen, es geht gar nicht voran. Sie schwimmen quer zum sandstrand gegenüber. kriegen Sie kurz panik, als Sie den wadenkrampf im wasser bekommen, halten Sie sich an der boje fest, strecken Sie ruhig das bein, reagieren Sie überhaupt vernünftig in notsituationen. schwimmen Sie den kürzesten weg zu den booten ans andere ufer und jetzt hinunter zum strand.

legen Sie Ihre sachen am ufer ab und und sich noch ein wenig ins flachwasser. lösen Sie die krämpfe, Sie müssen ja noch 4 km zum zug. pilgern Sie durch den wald. beeilen Sie sich dann, weil der zug gleich kommt. verschwitzen Sie sich einfach erneut.

fahren Sie heim. kaufen Sie ein. essen Sie was. schreiben Sie alles auf. dann legen Sie sich hin. Sie denken, Sie wüssten nicht, warum die meldungen Sie so berühren + verstören. Sie versuchen den zyklus verantwortlich zu machen, die hitze, den stress. schalten Sie alles aus und bleiben Sie bei sich. dann kommen Sie schon drauf.

(c) kaschpar