runden um wien 2025: HIV ist nicht mein Problem.

HIV ist nicht mein Problem.

(K)Eine steile These. Denn das habe ich lange geglaubt. Immer, wenn ich mit Menschen konfrontiert wurde, die überfordert waren im Umgang mit dem seropositven Status (um nicht zu sagen: mit mir), ob privat oder in einer Praxis, habe ich überlegt, was das nächste Mal anders laufen könnte. Wenn ich die Kontakte vorher besser aussuche, wenn ich nach HIV-erfahrenen Ärzt*innen recherchiere, wenn ich der Rehaklinik vorher ein paar Broschüren schicke, wenn ich mich nicht überraschen bis überrumpeln lasse, sondern auf Kommentare, Hinweise, Meinungen einstelle und vor allem: wenn ich nicht selbst hilflos im Umgang mit dieser Information bin und sie anderen entschuldigend vor die Füße lege wie einen roten Teppich, über den ich sie herüber bitte zu mir in meine würdevolle Unantastbarkeit: „Sorry, ich bin kein Opfer, aber ich kann nichts dafür. So ist es nunmal.“ Wenn ich nur empowert genug bin in meinem Leben mit HIV, dann wird sich etwas ändern: dann werde ich das nächste Mal nicht sprachlos irgendwo abgewiesen dastehen wie nicht abgeholt, weil so nicht bestellt. 

HIV ist aber gar nicht mein Problem. 

Als ich vor einigen Jahren auf einer mit Plastik ausgelegten Massageliege von einer mit Gummihandschuhen überzogenen Physiotherapeutin den Rücken wegen meiner Verspannungen durchmassiert bekomme, bin ich mir dessen noch nicht so sicher. Beim ersten Termin habe ich schließlich auf dreimaliges Nachfragen nach anderen Erkrankungen, Diagnosen, Komorbiditäten doch etwas von diesem (durch die Therapie nicht mehr nachweisbarem) Virus erzählt, das mir vielleicht neurologisch eine Polyneuropathie in den Fingern beschert, von der mein*e Schwerpunktärzt*in meint, dass sie mit Übung und Physiotherapie gelöst werden könnte: vielleicht sei nur ein Nerv eingeklemmt von der vielen Arbeit am Schreibtisch und der Anspannung eines Großstadtlebens mit chronischer Krankheit. Die Therapeutin nickt nur und hält während der gesamten Sitzung einen 1,5-Meter-Sicherheitsabstand ein, der später mit Corona in die Geschichte eingeht. Dann führt sie mir von Weitem Körperübungen vor, die ich machen könnte bei Beschwerden: Aufrecht sitzen und Schultern kreisen lassen – aha, interessant – und weist mit spitzem Finger auf einen Punkt am Nacken, der es in sich hätte. Es erinnert mich an ein Spiel, das meine kleine Schwester mit mir spielte in unserer Kindheit, als sie festgestellt hatte, dass ich mich nicht gerne anlangen lasse: sie kam mit ausgestrecktem Zeigefinger ganz nah an mich heran und lachte: „Ich berühr dich nicht!“ Es gibt einen Unterschied zwischen anfassen und anlangen, zwischen berührt sein und berührt werden. 

Beim zweiten Physio-Termin haben sie sich entschieden, mich anzufassen, aber nur unter Hochrisikosicherheitsmaßnahmen mit gefühlt quadratkilometer ausgelegten Plastikschutzbezügen und ich weiß nicht wie vielen Lagen Gummi über den doch sonst so unempfindlichen Fingerhornhäuten. Man denkt, speichert und erinnert später natürlich nicht mehr ganz korrekt, wenn das Herz einem das Blut durchs Gehirn schießt, aber angemessen ist es nicht, soweit bin ich mir sicher. Als ich den Mut fasse, um nachzufragen – weil es könnte ja immer noch sein, dass ich mich täusche: es könnte Routine sein wie bei der Ärztin, bei der ich meist zwei Stunden saß im Wartezimmer, bis ich aufgerufen wurde, während alle an mir vorbeiliefen: bestimmt bei der Kollegin den Termin, nur ins Labor, privat versichert: es gibt ja tausend Gründe, warum alle anderen vor dir drankommen neben dem, den du befürchtest, weil er dir wie den meisten anderen schon mal ins Gesicht gesagt wurde: dass man nach dir aus Hygienegründen extra durchwischen müsse (was immer fraglich: weil: wie machen sie sonst hier sauber, wenn sie nicht wissen, welche Krankheiten eine Person hat?). Ich frage also, vielleicht weil ich denke, dass ich durch meine jahrelange Arbeit in der Aidshilfe und der sorgsamen Entwicklung meiner Persönlichkeit soweit gekommen bin, dass ich mit Reaktionen jeglicher Art umgehen kann, weil ich vielleicht übertriebene Ängste kenne und Überreaktionen dort, wo man zu wenig Wissen über Wahrscheinlichkeiten besitzt, weil (was ich noch nicht weiß, aber ahne) im Bereich potenziell ansteckender Krankheitserreger evolutionspsychologische Erklärungen zur Begründung der Vermeidung von Kontakt zur Sicherung des Überlebens existieren, weil ich vielleicht vermute, dass wie im Bereich Sexismus, Rassismus und Sexueller Vielfalt Vorurteile und Ablehnung heutzutage eher subtil formuliert werden (was auch wieder rückläufig scheint), vermutlich eher nicht, weil es mir lieber wäre, wenn man mir die Wahrheit sagt, anstatt etwas hinter „Das machen wir hier immer so“-Ausreden zu verschleiern, frage ich also, aber ehrlich gesagt: erwarte ich nicht, was die ausgebildete Fachkraft mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit hinter meinem Rücken zu mir sagt: Ja, das sei hier notwendig, denn sie „behandeln hier ja auch Kinder“.

HIV ist nicht mein Problem. 

Dass mir die Gynäkologin einen Safer Sex Vortrag für Teenager hält (der jetzt wirklich zu spät kommt), weil sie nicht verstehen kann, „wo ich mir das geholt habe“: Nicht mein Problem. Dass Sanitäter*innen unentschlossen die Hände heben, als ich nach einem Fahrradunfall am Boden liege, weil sie „da lieber die Spezialist*innen“ ranlassen wollen (ob sie HIV meinen oder den möglichen Wirbelsäulenbruch, kann ich nicht beantworten, weil ich unter Schock mich nicht anfassen lassen kann und vom Notarzt bewusstlos gespritzt werde, so dass ich nackt mit Katheter im Krankenhaus aufwache): Alles nicht mein Problem. Dass der Pfleger das vom mehrmaligen Fehlversuch beim Anlegen eines intravenösen Zugangs blutgetränkte Laken nicht wechselt, aber per du fragt, ob ich mir „mein Zeug selber besorgen könne“, womit er meine überlebensnotwendigen HIV-Medikamente meint: No, not my problem. Auch nicht, dass in dieser Praxis am Leopoldplatz, dem Kotti des Wedding, wo alle Anwohner*innen eigentlich extrem aufgeklärt und/oder abgebrüht sein müssten, die geschulten Mitarbeiter*innen keine Ahnung davon haben, wer wann wo HIV auf welche Weise überhaupt übertragen kann: Wissen und Unwissen: Nicht mein Problem. 

Natürlich gäbe es viele Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Ich könnte sie aufklären, bitten, die Handschuhe abzulegen, ihr ein paar Broschüren bringen, eine Schulung für das gesamte Team anbieten, die Antidiskriminierungsstelle einschalten, mich an Verbände wenden. Oder: Ich könnte schreien und um mich schlagen (wie im Krankenwagen). Oder einfach aufstehen und gehen (wie in der Traumaklinik, als der Psychiater in den Bildschirm starrend nach meinen (sexuellen) Gewalterfahrungen fragt, um sie in die Datei einzutippen: „Noch was?“) Aber stattdessen friere ich ein, erstarre und verspanne mich auf dieser Liege unter den gleichmäßigen Rubbelbewegungen des tatschenden Gummis, das meinen Rücken erröten lässt, bis Tränen übers Plastik fließen. Da beginne ich langsam zu verstehen.

Nein. HIV ist nicht mein Problem. 

Mein Problem ist das Trauma. Oder besser gesagt: sind die Traumata. Weil ein Trauma kommt selten allein. Mein Problem sind die Trigger, die überall lauern auf den Moment, wo sie dir den Nor- und Adrenalinschub verpassen, dass dir das Herz davonrast: Halt Stopp Vorsicht! Das könnte gefährlich werden! Es ist ein Überlebensmechanismus, der dafür sorgen soll, dass wir das, was wir einmal überlebt haben, am besten nicht wieder erleben. Und damit das nicht passiert, agiert er paradox: er erinnert uns ständig daran, dass es geschehen könnte. Er passt dauernd auf, dass es nicht so kommt, wie wir befürchten. Wenn ich handlungsunfähig auf der plastikgeschützten Massagepritsche liege oder schmerzverzerrt auf dem Asphalt unter der Sicherheitsdecke, wenn ich mit gespreizten Beinen auf einem Gynäkologiestuhl hocke und eine halbe Stunde darauf warte, dass sich jemand das nochmal ansieht: Oh! Eine Zyste! Dann friere ich ein. Mein Problem ist das Muster, das sich herausgebildet hat über all die Jahre, wenn ich Gefahr laufe, dass eine Situation retraumatisierend wirken könnte. Es scheint paradox. Mein Problem ist die Unfähigkeit, aus der gefährlichen Situation zu fliehen. Statt fight or flight (kämpfen oder fliehen) neige ich zum freeze – Einfrieren. 

Ich stelle mich tot.

Wie früher. Als ich mich 14-jährig in meinem schwarzen Gothic-Outfit in die vorletzte Reihe des Schulbusses setze, glaube ich für einen Augenblick vielleicht das, wovon ich 38-jährig, nach 15 Jahren HIV und einem 5-Stunden-Marathon durch Berlin mit einer Medaille in der Hand beim öffentlichen „HIV-Outing“ im Blog überzeugt bin: mir kann nichts mehr passieren. Da schlägt mir ein zwei Jahre jüngerer Kerl mit einem Buch auf den Kopf. Und nochmal. Und nochmal. Ich weiß nicht wie oft. Bis er genug hat oder jemand was sagt – ich weiß es nicht, ich bin schon nicht mehr da. Dissoziiert wahrscheinlich, wie die Psychologin meint, bei der ich einige Wochen nach Wien in der gesprächszentrierten Autismusdiagnostik sitzend in den Erinnerungen versunken regungslos zum Fenster hinausstarre. In der praktisch orientierten Stunde breche ich, drei Tage Seminar in Brandenburg hinter mir, beim Anblick des Bilderbuches, dessen Geschichte ich beschreiben soll, in Tränen aus, weil ich das Frühstück vergessen habe. Sie brechen die Diagnostik ab: Ich solle erst eine Traumatherapie machen, bevor wir das hier nochmal probieren. Ich weiß nur noch, dass ich leise weine. In der Diagnostik wie damals im Bus, wo die kleine Cousine still neben mir sitzt, deren Schwester Jahre zuvor diesen Reigen sang, der mir wie der Beginn eines jahrelangen Zickzack-Spießroutenlaufs aus Tratzen, Verarschen, Hänseln, Auslachen erscheint, gegen das kein Schreien, Schlagen, Heulen half: Katl oid Schwattl. Heute weiß ich, es hat Namen: Es heißt Mobbing, psychischer Missbrauch, körperliche Misshandlung. Ich warte, bis es vorbei ist, aber nichts ist jemals vorbei.

Was war ich froh, wenn es nicht mich, die Brillenschlange, traf. Wenn sie Mampfer den Stampfer in die Zange nahmen oder die Galle, die spuckt, die Kuh, die stinkt oder Didi den Stotterer. Hauptsache nicht ich. Ich weiß noch, dass ich einmal, noch in der ersten Klasse, versucht habe, jemandem zu helfen. Weil ich dachte, dass ich einen Verwandtschaftsbonus hätte. Das ging aber schief. Wer sich sichtbar macht, wird selbst zur Zielscheibe. (Nicht, dass es diese Aktion gebraucht hätte.) Man lernt schnell, sich zu schützen. Habe ich auf andere abgelenkt oder mitgemacht, wenn sie dran waren? Daran mag sich mein Gehirn nicht mehr so gut erinnern. Was es nicht vergisst: Durch den Bus getrieben werden, weil kein Platz freigemacht wird, die Brille suchen, weil sie jemand weggenommen hat, die Haare im Bus von hinten abgeschnitten bekommen, stufenweise um Kugelschreiber, Blöcke und schließlich Geld erpresst und bedroht werden. Ich erinnere mich an die Angst: vor dem Bus, der Schule, unter dem Bett, hinter der Klotür. Die Angst daheim und draußen. Die Angst vor: diesem Leben.

Was soll man da tun?

Was war ich überrascht, als meine Mutter die Mutter des Buchschlägers anrief. Weil es nicht üblich war in unserer Familie, sich zu beschweren. „Das musst du abschütteln“, hieß es meist, ob es um die Schule oder die Gäste in der Wirtschaft ging. „Eine Bedienung ist wie ein Handtuch, an dem sich die Gäste die Finger abwischen“, sagte die Oma zu ihren Lebzeiten, währenddessen sie mehrmals Angst haben musste, Bankrott zu gehen. Wer angewiesen ist auf das Geld der Leute, hält lieber den Mund wie der Vater, ihr Sohn, der meist schwieg, wenn er nicht schrie oder schlug. Lachen konnte er allerdings auch, wenn er Geschichten erzählte in der Wirtsstube, ein sarkastisches karthartisches Kichern. Sozial gesehen waren wir alle hilflos und überfordert. Aber nicht dumm. Meine Eltern haben mir einen Moped-Führerschein bezahlt und das letzte Jahr bin ich schließlich mit der 80er in die Schule, nach zahlreichen wiederholten Prüfungen und Alleinunfällen ohne Unfallgegner*innen. Ich habe die „Kindheitshölle“ (Thomas Bernhard) überlebt, in erster Linie dank meiner Resilienz – im Gegensatz zu einer Schulkameradin, die später mit ihrem Auto gegen einen Baum gefahren ist. Nüchtern. 

Du weißt nichts vom Trauma. Das Trauma weiß von dir. 

Bis du weißt, was Trauma ist, trägst du die Schatten, die dir auf der Seele liegen, als Tätowierungen schwarz verewigt in die Haut eingenarbt. Bilder deiner Vergangenheit. 

Der Vater, der auf die Klotür einschlägt und schreit, er würde dich erschlagen, wenn du nicht öffnest. Der Schuljunge, der dich nicht von der Wippe lässt, sondern mit voller Wucht hoch- und runterknallt, dass du auf dem harten Holz aufschlägst Die Cousine, die dich festhält und kneift, bis du weinst, aber den Arm tröstend um dich legt, als die Pausenaufsicht kommt. Die Körper und Gliedmaßen der Gäste der Wirtschaft, die sich an dir, wenn du das Bier bringst, reiben und der Typ, der dich nachts gegen die Wand drängt. Der Busfahrer, der auf die Bremse steigt, worauf du, weil du bei niemandem Platz fandst, durch den Gang fällst, worauf er schreit, dass du dich hinsetzen sollst. Die Kurve, die du den anderen mit dem Moped hinterherhetzend unterschätzt und nicht kriegst, worauf du im Graben landest. Die Kerze, die das Zimmer in Brand steckt, während du schläfst, und das Fenster, das du öffnest, weil du drohst zu ersticken beim scheiternden Löschversuch. Die Anwältin, die in der Gerichtsverhandlung wegen fahrlässiger Brandstiftung auf unschuldig plädiert, während sie deine Kindheit als Bettnässerin schildert. Die Löcher, die jemand mittels einer Zwille oder Pistole mit kleinen Metallkugeln in deine Fenster schießt und die Polizist*innen, die zu viert oder fünft durch die Wohnung geistern und andauernd fragen, ob du Feinde hättest. Die Gaskartusche, die auf deinem Balkon eine Stichflamme erzeugt, woraufhin du sie per Post zurückschickst, aber erst, als sie das gesamte Wochenende in der Packstation neben der Tankstelle liegt, Panikattacken bekommst, dass sie auf dem Weg in die Luft gehen könnte. Die obdachlose Person, die dir mitten aufm Alexanderplatz mit beiden Händen an den Arsch greift, woraufhin du sie verfolgst, bis sich herausstellt, dass sie sich durch die Aktion vor der anderen als lesbisch beweisen und vor männlichen Angriffen schützen wollte, worauf du das einzige rote Kleid, dass du je besessen und zum ersten Mal in deinem Leben getragen hast, so lange im Schrank hängen lässt, bis es von Motten zerfressen wird. Der Fremde, dem du angeheitert in die Wohnung folgst, die er abschließt mit den Worten: „du kannst so laut schreien, wie du willst, hier wird dich keiner hören“.

Trauma: Kommen um zu bleiben.

Ein Trauma kommt selten allein. Mit jeder Verletzung werden wir angreifbarer, das Immunsystem kommt nicht hinterher. Mit hoher Wahrscheinlichkeit gehöre ich zu den Menschen, die aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur (und ihrer neurodivergenten (autistischen) Disposition) nicht nur soziale Beziehungen als anstrengend, herausfordernd und konfliktbehaftet erleben, sondern jegliche schwierige Situation extremer und dramatischer als viele andere. Das Leben, das ich lange Zeit nicht steuern (um nicht zu sagen: kontrollieren) konnte, ist in seinem ungefilterten Alltag an_dauernd potenziell: re-/traumatisierend.1 Und auch heute noch, wo ich es einigermaßen „im Griff“ habe, erscheint es weiterhin intensiv, beunruhigend und – öfter als mir lieb ist: verstörend. Vielleicht gehöre ich auch zu den Menschen, die aufgrund ihrer Persönlichkeitsmerkmale zu selbstschädigenden Lebensentscheidungen oder verstärktem Risikoverhalten neigen, die die Wahrscheinlichkeit für zukünftige Traumata erhöhen. (Vielleicht ist der Trotz, mit dem ich (hypervigilant) nachts durch Brandenburg wandere, weniger Widerstand gegen den Rückzug als unzureichendes Risikoeinschätzungsvermögen.) Vielleicht führen aber auch all die Verletzungen dazu, dass der Selbstwert nicht genug wachsen kann, um dafür zu sorgen, dass man sich gut um sich kümmert und sich schützt. Dafür sorgt dann, mit extremen Mitteln, die Traumareaktion.

Ich trage die Ohnmacht herum.

Diese Ohnmacht, die übrigbleibt, wo andere die Macht an sich reißen. Von einer Situation zur nächsten. Sie machte mich sprachlos, als der Studienkollege mir erzählte, dass er sich gefragt habe, ob es ok gewesen sei, mir, der Person mit HIV, die Hand zu geben, aber er hätte sich informiert, das gehe wohl doch in Ordnung, nicht wahr!? Sie machte mich fassungslos, als der Typ, bei dem ich so dumm war, mich auf ein Treffen einzulassen, meinte, er hätte ein Anrecht auf Sex, weil wir beide positiv seien und „man doch Bedürfnisse habe“, und auf meine Ablehnung hin mit überhöhter Geschwindigkeit mit mir auf dem Beifahrersitz über die Autobahn raste. Sie machte mich ängstlich, als der drogengebrauchende Exfreund mich jenseits meines Schlussstriches nach jahrelanger Dauerkrise drohte, „es“ = HIV allen bei mir daheim zu erzählen und mich mit Briefen, Nachrichten und Anrufen unter Druck setzte, worauf ich ihn anzeigte und in Berlin mit neuer Adresse und Telefonnummer einige Jahre untertauchte. Bis ich über den Blog wieder auferstand. 

Veränderung ist möglich. Es braucht Ressourcen, Traumata zu überwinden. Soziale Unterstützung, ökonomische Sicherheit, Selbstvertrauen. Wir müssen uns „nur“ unserer Macht bewusstwerden, wie die Traumatherapeutin mir riet. Wir müssen uns den Raum nehmen. Wir müssen uns selber halten. Müssen. Können. Wollen.

HIV ist nicht unser Problem. 

Es sind die Erfahrungen von Machtmissbrauch und Gewaltausübung dort, wo Selbstwert sich kanibalisch vom Selbstwert der anderen nährt. Es sind Anfeindungen und grundlegende Ausschlusserfahrungen, weil wir anders sind, erkennbar andere Merkmale tragen oder Lebensweisen verkörpern, an denen andere sich (ab)stoßen. Es ist die Zugehörigkeit, die wir Menschen als soziale Wesen brauchen und es sind die sozialen Tode, die wir vielfach seit Kindheit gestorben sind, weshalb wir in den Praxen, Kliniken und Beziehungen hocken oder hängen und nach Worten ringen, um unserer Fassungslosigkeit Ausdruck zu verleihen. Bis wir begreifen, dass das, was da mit uns geschieht/gemacht wird, ja wohl nicht wahr sein kann! Das kann es auch nicht. Das darf es nicht. Weder in vermeintlich fachlich ausgebildeten Settings noch in persönlichen, intimen Beziehungen. Nicht in Situationen, wo es um Vulnerabilität geht. Unser Problem ist nicht HIV. Eine nicht nachweisbare = nicht übertragbare Infektion kann nicht das Problem sein, wenn Aufklärung nicht dazu führt, dass Diskriminierung beendet wird. 

Das Problem sind Emotionen.

Emotionen, die wir gegenseitig auslösen. Unter den (ca.) sieben primären Emotionen mit u.a. Verachtung, Ärger und Ekel (hier noch nicht unterschieden in Sexual-, Pathogen- und Moral-Ekel, die evolutionspsychologisch als adaptive Mechanismen zur Vermeidung potenzieller Krankheitserreger gedeutet werden) befindet sich nur eine positiv konnotierte: Freude. Unter den sieben sekundären mit u.a. Scham, Schuld und Schadenfreude ist ebenfalls nur eine positive: Liebe. Das grundlegende menschliche Verhalten ist in seinen automatischen Reaktionen immer noch überwiegend auf Überleben ausgerichtet. Es teilt ein in Eigen- und Fremdgruppe, bevorzugt die eine*n, schließt andere aus. Es braucht eine ressourcenintensive kognitive Anstrengung, um implizite Vorurteile aufgrund von Stereotypen aufzulösen. Und das braucht Zeit. Reflektion. Traumasensibilität. Und vielleicht auch ein bisschen Hoffnung. 

In Hoffnung steckt „offen“. 

Die große Kunst nach all den Erfahrungen ist, neuen positiven Erlebnissen einen Weg zu bahnen. Denn der vermeintlich einfachere Weg ist oft Vermeidung, Rückzug und Selbstausschluss. Das Problem ist die Angst, wieder solche existentiell bedrohlichen Erfahrungen zu machen. Denn das Trauma unterscheidet nicht nach Schweregrad in der aktuellen Situation, es sagt dir nicht: nur ein bisschen aufregen oder ein wenig Herzklopfen, denn was zur Hölle ist an Gummi und Plastik so schlimm? Es ist nicht lebensgefährlich: es ist unangenehm. Unangebracht. Nicht angemessen. Und es fühlt sich falsch an. Dagegen lässt sich was tun, ganz rational. 

Ich habe das Glück, an einem Ort zu arbeiten, wo ich sein kann, wie ich bin, und noch besser: wo ich mich entwickeln und entfalten kann zu der Person, die ich sein will – vielleicht immer schon war, aber lange keine Möglichkeit dazu hatte, weil sie sich unterordnen und einspuren musste. Ich habe das Glück, dass es eine Community gibt, die ein positives Selbstbild bestärkt und sich gegenseitig unterstützt, eine Kontaktstelle für Antidiskriminierung, wo Personen sitzen, die mich validieren in diesem Gefühl: da stimmt etwas nicht: das musst du nicht aushalten oder hinnehmen! Da kannst du etwas dagegen tun. Wir können dir helfen. Ich kann mich wehren. Ich habe Optionen: Handlungsoptionen: ich kann überlegen, was ich tun will, was ich tun kann, wofür ich Ressourcen habe: Jetzt, in dieser Situation: Ich kann die Plastikgummipraxis anrufen und sagen: ich komme nicht mehr. Ich hole mir ein neues Rezept. Ich gehe in eine queere Kreuzberger Physiopraxis. „Du musst nicht sagen, dass du HIV hast.“ Nein, muss ich nicht. Ich kann aber auch hingehen, mutig und trotzig, ganz Selbstermächtigung und Selbstwirksamkeit und sagen: „Ich habe HIV, ist das ein Problem?“ Und ich darf hören, was ich weiß: „Nein, natürlich nicht. Wieso auch?“

HIV ist nicht das Problem. Dranbleiben ist das Problem. Nachsorgen. Oder vielleicht fangen wir jetzt an, nicht mehr von Problemen zu sprechen, ganz allgemein. Sagen wir: Herausforderung. 

Die Herausforderung ist, die Balance zu finden. 

Zwischen Offenheit und Sicherheit. Zwischen verletzlich bleiben und sich wappnen. Ich möchte nämlich auch nicht zugeschlossen und versteinert wie erstarrt und erfroren durchs Leben gehen. Ich möchte in Kontakt kommen mit Menschen, Resonanz erleben, Bedürfnisse äußern und Befriedigung spüren, Ressourcen nutzen, erzeugen und abgeben, mitschwingen und vibrieren. Ich möchte verletzlich bleiben. Berührbar. 

Die Herausforderung ist, Diskriminierung zu erkennen – und gleichzeitig sie nicht überall zu erwarten. Nicht misstrauisch an der Theke zu stehen, ob da wieder ein (mittlerweile digitaler) Aufkleber „infektiös“ platziert wird. Und auch nicht alles zu vermeiden, was potenziell „gefährlich“ werden könnte. Z.B. nicht die Arztpraxis wechseln, weil die Angst vor dem Unbekannten viel größer ist als die andauernden Zusatzkosten wegen erhöhtem Hygieneaufwand zu bezahlen. Nicht mehr mit dem Fahrrad zu fahren, weil man sich vorgenommen hat, nie wieder in einen Unfall verwickelt zu werden. Nicht mehr zur Physiotherapie gehen, weil anlangen unmöglich geworden ist. Niemanden mehr kennenlernen, weil. 

Balance finden in einer extremen Gefühlswelt. Wie kann das funktionieren? 

Angelika Wagner sagt: Gehen Sie hin, wo das Schlimmgefühl sitzt.2

Und dann sagen Sie: Ja, das kann passieren. Dann ist es auch nicht mehr so schlimm. Oder besser gesagt: Dann fühlt es sich nicht mehr so schlimm an. Das lässt sich üben. Je nachdem, wie viel Ressourcen man gerade übrig hat, kann man Situationen ausprobieren wie im Traum, wie Leute reagieren. Ich habe gerade genug Ressourcen z.B. für die elektronische Patient*innenakte (EPA), die habe ich einfach aktiviert und jetzt schaue ich mal, was kommt (bisher nichts …). Notfalls kann ich sie auch wieder deaktivieren, man kann sich auch wieder umentscheiden. Jeden Tag neu:

  • Wie viel Kraft habe ich heute, um offen zu sein für eine neue Erfahrung, auch wenn sie mich verletzen könnte?
  • Durch wie viel Armut, Elend, Dreck und Gewalt bin ich heute in der Untergrundbahn schon hindurchgestiegen, so dass ich schon zugemacht habe innerlich?
  • Was sage ich, wenn mich jemand fragt: „Wie geht es dir?“ Und habe ich Angst vor der eigenen Antwort?
  • Wie viele Ressourcen habe ich? Was sagt die „Body-Battery“? Welche Kontakte, Netzwerke – Buddys und Allies – kann ich aktivieren?

„Ich schaffe das“

schrieb mir einst eine Psychologin mit großer Handschrift auf einem Zettel, den sie mir zum Abschluss der Therapie aushändigte. Ich schaffe das, ich kann das, ich liebe mich … Wer mit Schwarz-Weiß-Denken aufgewachsen ist, hat eine Menge zu lernen. 

  • Ambiguitätstoleranz: Obwohl ein Teil in mir sich zeigen möchte, möchte ein anderer sich gerne verstecken. 
  • Wer mit gravierenden Diskriminierungserfahrungen lebt, braucht eine Menge Impulskontrolle und Emotionsregulation: ich kann auch nicht auf alles reagieren. 
  • Wer Bedürfnisse hat und sie nicht vergraben will, braucht Frustrationstoleranz und Erwartungsmanagement

Ich wünsche mir eine ideale Welt, in der niemand sich um seine Existenzberechtigung Sorgen machen muss, aber ich weiß, dass es nicht realistisch ist – und dennoch möchte ich daran glauben können, dass es möglich wäre. 

Wir können alle lernen, an uns arbeiten, Barrieren überwinden, Plastik reduzieren.

Ich erwarte nicht mehr von mir, dass ich handlungsfähig bin in jedem Moment, der mich vielleicht triggert, aber ich weiß, was ich tun kann. Wo ich hingehe, wen ich frage, um Rat oder Unterstützung bitte, wie ich Situationen verlassen, mich wehren, wo ich Schutz suchen kann. Wo ich mich erhole, auftanke. Vor zehn Jahren hätte ich mir nicht vorstellen könnten, nochmal ins Fitnessstudio zu gehen, um zwischen all den schwitzenden Strechbodys meine kopfhörerfokussierten Kraftübungen zu machen. Wie der Marathonlauf die Ausdauer stärkt, um Durchzuhalten, hilft die Kraftübung Stärke zu gewinnen und Haltung zu bewahren. Funfact: Auch das Polyneuropathie-Thema hat sich damit quasi erledigt: Der Nerv ist nicht mehr eingeklemmt und gereizt. Besser als jede Physiotherapie. (Herausforderung „Ehrlich bleiben mit sich“: Das eine ersetzt nicht das andere: Wer dauernd beim Desinfizieren des Gymequipments im Nacken die Frage wälzt, was die anderen Besucher*innen denken/tun würden, wenn sie wüssten, dass du HIV-positiv bist, trägt ganz stereotype threat3 eine Last herum, die die Leistung verringert.)

Woran ich merke, dass es funktioniert? Dass die Situationen weniger werden, weniger in Anzahl und inhaltlicher Bedrohung, dass mir die Geschichten ausgehen, die ich auf Podien erzählen kann, dass ich die alten, längst verarbeiteten Ereignisse hervorkrame und in einen Zusammenhang bringe, dass ich mich traue, darüber zu reden, über das Kindheitstrauma, zehn Jahre nach dem „HIV-Outing“, wo ich mir selbst bewiesen habe, dass ich, und nur ich, diese Macht über diese Information besitze, und wenn ich sie abgebe, es mir nichts mehr anhaben kann – oder besser gesagt: niemand mit dieser Information mir mehr etwas anhaben/antun kann. 

Diese Scham ist nicht die meine, diese Schuld gehört nicht mir. 

So mache ich mich schrittweise frei. Bis ich alles gesagt habe, und vielleicht Ruhe einkehrt in mir. 

Wo ich aufgewachsen bin, sagt man: „Wer Leid trägt, kommt ins Himmelreich.“ Sorry, aber ich kann auf kein Himmelreich mehr warten. Das Trauma überwinden heißt auch: vom Überleben ins Leben kommen. Und alte Bilder ablegen, auch die von sich. Ich habe heute mehr Zukunft vor mir als vor 25 Jahren. Aber rosig wird sie nicht von allein. Verbittert wird man von allein. Alles andere braucht Arbeit. Kraft und Sensibilität. Es heißt, wir hätten die Macht darüber zu entscheiden, was wir denken und was wir fühlen. Machmal heißt, die Balance zu finden, auch die in sich selbst, ein bisschen Distanz zu sich aufzubauen und nicht hinzueinfallen und sich zu verfangen in den alten Mustern, die auf schwedisch mönster heißen wie kleine Monster. 

Neben fight, flight or freeze gibt es auch noch tend and befriend. 

Ich weiß nicht , ob das besser ist, aber hej! 

Try it out. 

Stay strong. Stay resilient. Be open. Go out. Be yourself.

Das ist die Herausforderung.

Challenge accepted!


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  1. “Für ein autistisches Kind kann jede Form von Überraschung traumatisch sein. Egal, ob es um das Essen auf dem Teller geht, was du sagst, wer zur Tür hereinkommt, wie man zur Tür hereinkommt, Farben im Raum, die Anordnung der Stühle, ob man es mit dem Auto oder dem Bus zur Schule bringt.
    All das muss nicht traumatisch sein.
    Aber es kann.”
    IQ – Wissenschaft und Forschung: Autismus – Zuviel Gefühl?, 30. Apr. 2024. Von Oliver Buschek. Erst-Ausstrahlung am 26.3.2019. (Nicht mehr online.) Zitiert wird: Prof. Henry Markram.  ↩︎
  2.  Angelika C. Wagner: Gelassenheit durch Auflösung innerer Konflikte. Mentale Selbstregulation und Introvision. 3. überarbeitete Auflage Kohlhammer 2021. ↩︎
  3.  stereotype threat (Claude M. Steele): Befürchtung von Angehörigen einer stigmatisierten sozialen Gruppe aufgrund von neg. Stereotypen über diese anders beurteilt/ behandelt zu werden -> messbare Leistungsminderung in psychol. Tests, z.B. Intelligenztests (Quelle: Dorsch)
    stereotype spillover (Michael Inzlicht): Stereotypbedrohung greift auf andere Bereiche über, so dass Personen unter Auswirkungen in Bereichen leidet, die nichts mit der Quelle der Bedrohung zu tun haben (Quelle: Inzlicht) ↩︎