schramltours – heidschnuckenweg teil 1 – etappe 4

alles wächst+kämpft um seiner selbst willen

bispingen – soltau, 25,8 km inkl. 1x verlaufen

frühstücken Sie ausgiebig. danken Sie der wirtin mit 1 batzen trinkgeld für die gastfreundschaft. Sie können sichs zwar nicht leisten, aber dass Sie sich wohlfühlen, ist unbezahlbar (keine entfremdungserfahrung!). gehen Sie gestärkt los.

es ist die letzt etappe + wie so oft sind Sie schon etwas müde + möchten v.a. ankommen. zum glück gibts heute fast keine heide zum fotografieren, sondern viel wald+mais, da kann man auch mal probieren zu laufen. erst, wenn das frühstück sich gesetzt hat natürlich. versetzen Sie die hüfte mit 1 ibu in den schlaf, sie ist sonst wacher als Sie. dann gehts ganz gut.

die resonanzthematik kann Ihnen heute den buckel hinabrutschen. vielleicht sind Sie schon in der phase abschied. die letzten tage haben Sie gar nicht mehr im buch gelesen, aber das erwarten nicht mal Sie von sich nach über 30 km tour. schalten Sie die musik ein + fliegen (in resonanz mit dem körper + der melodie) wie 1 vogel über die felder. werden Sie 1 mit dem weg.

kurzzusammenfassung resonanz tag 4: nur der vollständigkeit halber: wie zum beweis notieren Sie sich all die resonanten momente, die Sie trotz allem meinen, in der natur zu haben. Sie erstellen die theorie, wir wollten uns aussöhnen mit der welt, in sie eintauchen, weil wir uns so von ihr entfremdet haben im alltag, und wenn die sonne aufgeht, wollen wir uns wohlfühlen + denken, sie sei uns wohl_gesonnen, hüllt uns ein + verzeihe uns. dabei brennt sie uns, der wind jagt uns voran, der regen peitscht ins gesicht, die mücken stechen uns zukünftige kratzwunden + unsere erlebnisoasen sind nichts anderes als gut getaktete selfiepoints - wehe, jemand versaut uns das panoramafoto! an allem wäre nichts falsches, wenn es echt wäre, auch auf der anderen seite, wo wir sie zum leben brauchen, diese natur. wir müssen in die balance kommen, nicht das pendeln zwischen den extremen ist, sondern in den 1_klang. 

schauen Sie auf die uhr. Sie haben 1 ticket mit freier zugwahl, endlich mal kein zeitdruck. vielleicht kriegen Sie den zug um 15 uhr, wenn es gut läuft, den um 14 uhr. stellen Sie nach viel wald+mais fest, dass es auch 13 uhr klappen könnte. schon haben Sie wieder 1 ziel. warum nehmen Sie sich nicht in soltau 1 std. zeit für die innenstadt? Sie könnten sich etwas suchen zum waschen+umziehen + ressourcen auftanken.

nehmen Sie sich vor, dass Sie das nächste mal nicht die strecke umplanen, um den psychologischen vorteil von 23,9 zu 24,7 km auskosten zu können – vor ort halten Sie sich eh nicht daran. verlaufen Sie sich am ende von bispingen, weil Sie jugendlichen in der jugendherberge ausweichen müssen. packen Sie 2x um, weil die nassen klamotten von gestern tonnenschwer im rucksack lasten – gut, dass Sie das angebot, etwas in den trockner zu werfen, abgelehnt haben vor lauter überforderung. denken Sie nicht an den regen. das werden Sie dann schon merken.

unterwegs in der einöde fürchten Sie sich schon vor dem moment des eintritts zurück in die zivilisation (die sorge ist nicht unberechtigt, noch ahnen Sie nichts vom heidepark, Sie haben alle hinweise wie stellenanzeigen bisher konsequent intelligent ignoriert). der regen hat alles fortgeschwemmt + der anhaltende niesel baut die barriere zwischen Sie + den schönwettertourist*innen. fragen Sie nicht, wieso niemand da ist + ob Sie (fomo) was verpasst haben. genießen Sie es. Sie sind satt von der heide + froh, dass es einfache wegstrecken sind, die die pilger*innenseele in Ihnen wecken.

denken Sie an den bevorstehenden marathon + wie Sie das abschließen mögen, weil Sie nicht mehr wollen, dass 1 äußere willkürlich festgesetzte einheit Ihnen gelegenheit gibt, Ihre leistung mess+vergleichbar zu machen. lösen Sie sich davon, wenn Sie sich auch noch nicht vom rest des heidschnuckenwegs oder der gesamten wander*in*ausgzeichneten*pfaden lösen können. jetzt haben Sie die schnucke angefangen, jetzt müssen Sie die zuende bringen. eigentlich doch auch etwas schönes: das gefühl, sachen anfangen + auch abschließen zu wollen+können.

was kommt danach? wie sieht die auf/ab/erlösung aus? werden Sie doch zum erlebnisjunkie, der höllentalachterbahnen fährt oder freeclimbkletterberg steigt? wollen Sie auch fernab der pisten die backen (hügel) hinunterrauschen? doch weder die vielbegangenen wege noch die abweichler*innen taugen Ihnen, es ist schon nicht einfach für Sie. dauernd kratzen Sie an Ihrer existenz herum, wenn Sie mal was schönes machen. alles wird zum identitätsthema + schürft auf dem öden boden, auf dem keine saat gestreut wird. bleiben Sie wenigstens von der hauptsaison fern, dann haben Sie schon viel gewonnen.

aufgaben optionen für nach dem weg:

  • locker werden + pilgern + alle social media kanäle schließen, das schreiben aufgeben, in 1 tinyhouse in die uckermark ziehen, sich von der welt verabschieden, 1 eremit*innendasein führen
  • 1 verwertbares produkt (gedicht, geschichte, ratgeber, reisejournal, essay …) aus dem weg machen + kein öffentliches blogtagebuch, in das Sie Ihre hilflosigkeit des daseins kippen
  • öffentliches blogtagebuch über den weg schreiben als zeitzeugnis 1 typischen vertreter*in der eigenen generation mit den individuellen besonderheiten der hochsensiblen randständigen mit den herausforderungen 1 stigmatisierten chronischen krankheit, deren diagnose sich am 25. september diesen jahres (1 tag vor dem marathon) zum 20. male jährt

versuchen Sie so gut wie möglich durch den heidepark zu kommen – keine ahnung, warum der weg gerade hier rum führt. schon wieder 1 horde jugendlicher, diesmal aber so 1 haufen, dass Sie nicht vorbeikommen, sondern durchmüssen. alle starren Sie an. vielleicht halten sie Sie mit den tätowierungen + kniestrümpfen + stöcken hintendran für 1 piratenbraut + also zum personal gehörig. kucken Sie irritiert. als 1 wächter Sie anspricht, hören Sie es nicht richtig, weil Sie ja musik hören, fragen Sie zurück: hallo? + gehen einfach weiter. wurscht.

machen Sie am ende 1 selfie mit 1 drehenden rad, das in etwa Ihre aktuelle verfassung widerspiegelt. in soltau wedeln schwedische fähnchen (blau+gelb). in der auslage 1 geschäfts kurz vorm bahnhof können Sie sich für den nächsten laufkauf vorbereiten. handgelenksbandagen li+re, knie-li, fuß-li haben Sie schon, auch 1 lendengürtel besaßen Sie bereits. was könnten Sie noch brauchen?

Sie kriegen den zug um 13 uhr + ziehen sich dort um, dafür hat der anschluss durch 1 technische störung überfüllung, weshalb Sie im vollbesetzten waggon auf 1 gangplatz sitzen. seit Sie 1x den mann beobachtet haben, der mit seiner bahncomfortkarte 1 person ansprach, ob sie auch bc besäße, + diese verneinte, woraufhin sie den platz verlassen musste, fragen Sie sich, ob Sie das auch könnten bzw. ob jemand mal auf Sie zukommen könnte + woran das die person festmachen würde: die frage, ob man comfort habe oder nicht – sieht man das den leuten an? wer traut sich sowas?

vergessen Sie, den stein, den Sie liegengelassen haben, durch 1 anderen zu ersetzen für Ihre steinsammlung. nun haben Sie 1 grund zurückzukehren. checken Sie 24 std. später mit der luca app beim bäcker in bispingen aus, nicht, dass da noch 1 warnung kommt!

seien Sie vollkommen erschöpft, nicht körperlich, sondern seelisch. seien Sie voll+leer zugleich. versöhnen Sie sich mit rosa + fangen Sie wieder an im buch zu lesen. schreiben Sie außer diesem blog keine zeile, außer vielleicht 1 gedicht. schalten Sie alle termine bis zum nächsten dienstag aus. ziehen Sie sich zurück. Sie waren so viel draußen, Sie können jetzt mal wieder ein bisschen drinnen sein.

bis zum nächsten mal.

I am no small talker