schramltours III – weserberglandweg 1.-3. etappe

machen Sies wie der biber – stecken Sie Ihre ziele höher. machen Sie aus dem brand’n’burg-project gleich die schramltours – oder wie Sie auch immer heißen.

hängen Sie an Ihre dienstreise nach kassel 1 tag dran. machen Sie sich zum deppen, indem Sie jemandem erklären, in kassel ginge um 5:15 uhr die sonne auf (also 20 min. später als in berlin), weil rundherum die berge stehen, worüber die sonne erst klettern muss. lassen Sie sich belehren, dass kassel so viel weiter südlich liegt, dass es zu dieser verschiebung kommt, und erzählen Sie ruhig noch, dass Sie (wie man sieht vergeblich) 3 semester physik studiert haben – es glaubt Ihnen eh keine*r. was hören Sie eigentlich überhaupt all die wissenschaftspodcasts?

hann-münden-bad karlshafen, 56,7 km, 15:16 std. zzgl. pausen, 1 übernachtung

die strecke folgt der 1.-3. etappe des weserberglandwegs, mit abweichung nach gottsbüren über das holzapeltal

stehen Sie um 3:37 uhr auf, um den 1. zug nach hann-münden zu erwischen, wo weser, werra + fulda sich treffen. fahren Sie keinesfalls später – die städte sind nur um diese zeit schön. um 4:41 sehen Sie, wie die nachtlaternen ausgehen, die bäckersfrau verkauft Ihnen um kurz vor 5 schon 1 rosinenbrötchen, und erst später denken Sie dran, dass 1 kaffee auch nicht schlecht gewesen wäre. bewundern Sie die fachwerkhäuser. verlieren Sie die zeit.

steigen Sie auf zur tillyschanze – 1 igel begrüßt Sie am fuß des hügels (reden Sie nicht von bergen, wenn Sie keine ahnung davon haben). beachten Sie oben besonders den rosengarten, in den neuvermählte viele schilder wie schlösser versenkt haben, auf dass ihr glück gedeihe, und berücksichtigen Sie diesen ort für Ihre hochzeit, die Sie nie halten. begeben Sie sich auf den weg.

seien Sie angesichts der spritze ins iliosakralgelenk frohgemut über die leichtigkeit der bewegung und versuchen Sie gleich zu beginn bei leichter neigung 1 kleinen anlauf, geben Sies schnell wieder auf, es ist zu früh. spüren Sie sich. seit Sie den quälenden nerv ausgeschaltet haben, können Sie fühlen, was darunter ist. surprise (surprice): es ist schmerz. nehmen Sie 1 schmerzmittel, um wieder etwas anderes zu spüren. lassen Sie sich von den schmetterlingen ablenken, filmen Sie 1 schnecke, retten Sie 1 vom weg. verscheuchen Sie die bremsen, Sie reagieren allergisch.

lassen Sie sich vom niesel nicht abhalten – er ist lauter im wald als nass. danken Sie den bäumen für schutz+schirm, singen Sie 1 lied – singen ist was anderes als mit sich selber reden. wahrscheinlich. erinnern Sie sich dank ein paar schilder an die wanderlieder der mutter, schicken Sie ihr 1 foto, noch 1, singen Sie noch 1 kirchenlied + beten Sie 1 gebet, nur um zu sehen, was die erinnerung noch hergibt. schütteln Sie darüber den kopf.

kommen Sie jetzt richtig in den regen. denken Sie ruhig, Sie bräuchten die regenjacke nicht, die hinten im rucksack steckt, gehen Sie einfach weiter, Sie werden es schon merken. lachen Sie über die 1,5 liter wasser, die Sie mitschleppen, während es Ihnen vom körper fließt und Sie über die frischen quellen steigen. nehmen Sie sich vor, das nächste mal wieder vorher genau die strecke zu checken, um die wasserzufuhr besser zu managen, denken Sie auch an den wasserfilter!

ziehen Sie sich in der schutzhütte, die zu spät kommt, 1x um. werfen Sie die faule avocado weg, die Sie extra mitgeschleppt haben, um Sie vorm verfall daheim zu retten, essen Sie Ihren letzten proviant, Sie brauchen die energie. freuen Sie sich über den regen, singen Sie noch 1 lied – außer Ihnen ist niemand unterwegs. so kalt ist es auch gar nicht. und 1 schöne erfahrung ist es auch, weil das haben Sie schon lange nicht mehr erlebt. reden Sie es sich ein.

steigen Sie auf zur sababurg, gehen Sie den rundweg und lassen Sie sich hin+herreißen von der schönheit der burg + ihrer vermarktung. danken Sie der verkäuferin im stand, dass sie bei dem wetter die stellung hält + trinken Sie 1 heißgetränk. wagen Sie 1 kurzes gespräch, geben Sie 1 trinkgeld. lachen Sie später beschämt über die lausigen groschen.

konzentrieren Sie sich auf den letzten abschnitt, zählen Sie runter, denken Sie an das, was Sie erwartet – heiße dusche, warmes essen, kuscheliges bett. registrieren Sie Ihre ängste, z.b. dass Sie vor verschlossenen türen stehen, Ihre buchung vergessen wurde, keine*r da ist (alles schon erlebt). hängen Sie nicht daran fest. laufen Sie. die painkiller wirken.

kehren Sie in gottsbüren ein. plaudern Sie mit der wirtin. ruhen Sie aus. entfernen Sie 3 zecken. essen Sie, was der wirt extra für Sie, nachdem er von seiner arbeit als koch heimgekommen ist, für Sie zubereitet – es ist frisch+köstlich. trinken Sie 1 bier + 2 schnäpse, stellen Sie sich für den 2. an die theke. erwähnen Sie bei jeder gelegenheit, dass Sie aus 1 wirtschaft kommen (wirtskind), es schlägt die brücke.

kommen Sie ins gespräch mit den leuten. Sie denken immer, Sie können es nicht, aber das gegenteil ist der fall. Sie mögen es und es liegt Ihnen. Sie mögen menschen. wenn auch wenige, das merken Sie gleich an den nächsten gästen, die zum autokorso gekommen sind. gehen Sie schlafen. wachen Sie nachts um 2 von 1 alptraum auf, vergessen Sie ihn. wachen Sie um kurz vor 4 von Ihren zimmernachbarn, den jägern, auf, die auf die pirsch gehen. bleiben Sie wach. surfen Sie. versuchen Sie, was über das schwache wlan zu posten (wo ist die glasfaser?). drehen Sie sich herum + nicken Sie noch ein wenig weg. stehen Sie auf + entfernen Sie die 4. zecke. packen Sie.

stellen Sie fest, dass NICHTS von Ihren sachen übernacht getrocknet ist. improvisieren Sie, ziehen Sie den rock an, prüfen Sie die reibungsfläche Ihrer schenkel, behelfen Sie sich mit sonnenöl+wundcreme zur reibungsreduzierung. berechnen Sie das mehrgewicht durch nasse kleidung im rucksack und wiegen es gegen den aufgessenen proviant von gestern auf. überlegen Sie, ob Sie den block, den Sie vom seminar noch als geschenk eingesteckt haben (“willst du den mitnehmen?” – “oh ja gern!”), jetzt hierlassen. tun Sies nicht. lassen Sie wasser aus Ihrem vorrat raus, nehmen Sie nur 1 liter mit. machen Sie schnell noch die sofortglättungsentspannungsmaske, die Sie extra mitgenommen haben für 1 erholsamen abend.

frühstücken Sie. nehmen Sie das angebot an + packen Sie obst, käsebrot + 1/2 l wasser mehr oben auf Ihr gesamtes gewurschtel hinauf. wundern Sie sich bitte nicht über das gewicht. rechnen Sie auch bitte nicht aus, wie viel Sie mit rucksack jetzt wiegen. es macht Sie nur depressiv (die armen knie …). bedanken Sie sich + machen Sie werbung für die unterkunft: sie hat nicht nur durch ihre reine anwesenheit 1 gelegenheit für die übernachtung und damit für die perfekte planung 1 etappe auf diesem weg geholfen, sondern Ihnen mit kleinen, wohltuenden begegnungen + gesprächen gezeigt, wie wohl Sie sich mit fremden fühlen können, wenn.

gehen Sie los, laufen Sie gleich bei der 1. neigung. genießen Sie die sonne + das holzapeltal. freuen Sie sich, dass Sie nicht stur 1 wanderweg folgen, sondern sich zeit genommen haben, die gegend zu studieren und – vom wirt bestätigt – die schönere strecke nach bad karlshafen gewählt haben.

gehen Sie + notieren Sie, was Sie behalten möchten, sofort, sonst vergessen Sies. freuen Sie sich am weg + der wiederaufforstung. wundern Sie sich über die straußenfarm. Sie haben vergessen, wie schnell die tiere laufen können, aber Sie sehen es an ihren füßen. bleiben Sie länger als für 1 video. bewundern Sie diesen gang. werden Sie angesichts des wenn auch geräumigen geländes + des speiseeier-schildes etwas melancholisch. laufen Sie Ihres beschränkten vermögens bewusst weiter. hören Sie musik. laufen Sie, denken Sie nicht.

biegen Sie schließlich ab auf den S-weg, den Sie nicht erwartet haben, aber über den Ihre route läuft. singletrail im buchenwald am hang – das ist Ihrs. machen Sie 1 pause + essen Sie was von Ihrem vorrat, gehen Sie gleich weiter, weil Sie gerade im podcast gehört haben, dass der blutzuckerspiegel um die hälfte sinkt in bewegung nach dem essen.

nehmen Sie sich zeit beim aufstieg des kommen steiges, wundern Sie sich über die vielen steinmauern + wünschen Sie sich zum 1. mal 1 schild zur erklärung. erschrecken Sie nicht beim anblick 1 raupenbaggers, von ferne wirkt er wie 1 spielzeug. in der nähe stellen Sie fest, dass der nun vor Ihnen liegende weg urban gemacht wurde – “weltreichweitenvergrößerung” par excellence. lassen Sie emotionen zu. ärger über die touristische infrastruktur, ausbeutung der welt, zweifel an Ihrem eigenem tun, Ihrem anteil mit diesen wanderungen, trauer über die verletzten wurzeln der angefahrenen bäume. halten Sie einem die hand.

dann gewöhnen Sie sich zu rasch an die neue welt, stellen am ende durch das wegschild fest, dass von den bauten noch zu wenig erforscht ist, und reden Sie sich ein, dass es sich beim ausbau um archäologische zugänge handelt.

steuern Sie auf Ihr letztes highlight, den skywalk zu. ignorieren Sie die alten verwirrten männer in der stadt. steigen Sie auf + ärgern Sie sich kurz drauf, weil Sie den weg über die hauptstraße geplant haben, kriegen Sie richtig schlechte lauen beim anblick des überfüllten parkplatzes. laufen Sie zum skywalk + schießen Sie das obligatorische foto inmitten der menge, eilen Sie zurück.

steigen Sie wieder frohen mutes hinab zur weser, nehmen Sie unten 1 bad. überlegen Sie kurz, ob Sie vom skywalk aus gesehen werden, als Sie sich umziehen. nehmen Sie sich vor, Ihre bekannten zu informieren – falls Sie 1 video 1 frau in der weser sehen, die panisch gegen den strom paddelt. denken Sie nicht mehr dran. erinnern Sie sich an den alptraum von heute nacht.

gehen Sie zum bahnhof. überlegen Sie, was Sie in den 3 stunden bis zur zugbindung machen. nehmen Sie 1 anschluss nach göttingen + sehen Sie sich im zentrum um. holen Sie sich 1 zivilisationsschock beim rummel. finden Sie 1 kneipenoase + trinken Sie gleich noch 1 weizen – ersetzen Sie überhaupt Ihren zuckerkonsum durch alkohol. essen Sie falafel vom falafeltraum vor der kunsthalle.

beobachten Sie die raben + student*innen. erinnern Sie sich an Ihre studienzeit in würzburg oder wo immer Sie studiert haben. werden Sie satt + zufrieden. fahren Sie heim. schreiben Sie all das auf. Sie können es vielleicht nicht gebrauchen, aber es tut Ihnen gut. verbessern Sie Ihre erholungszeit durch guten schlaf. entfernen Sie die 5. zecke.

(c) kaschpar