project brand’n’burg I

ist es noch corona-kompensation oder eher verletzungsverdrängung oder der versuch der positiven konnotation der “weltreichweitenvergrößerung” (hartmut rosa), dass wir die brandenburgkarte ablaufen wollen?

vielleicht, weil wir tegel nicht mehr auf/ab laufen oder in der rehberge rundendrehen können “going nowhere going nowhere” – vielleicht, weil das training verletzungsbedingt beschnitten werden musste und nach einigen versuchen nicht wieder hergestellt werden kann – vielleicht, weil der körper sich so an die neurotransmitter gewöhnt hat, dass er 1 kompensation braucht – vielleicht, weil brandenburg so erreichbar nah ist, dass der urlaub in den allEtag integriert werden kann – vielleicht, weil man 1 projekt/ziel/beschäftigung/hobby/ding braucht im leben

vielleicht, weil man nie weiß, wie lang es (wir) noch geht


warnitz-templin, 43,5/44,7 km (fragen Sie die gpx-programme, warum sie auf verschiedene daten kommen), 2 halbe tage bzw. 9:24 std. zzgl. pausen

diese highlights warten schon auf Sie:

  • öpnv freitagnachmittag – wann fahren denn Sie?
  • pkws am oberuckersee (ohne see)
  • erleichterung durch radwege mit hauptstraßenromantiküberraschung
  • sand sand sand ohne strand
  • 1 haus am weg + ellenlange dörfer
  • 1 see außerhalb des naturschutzgebietes
  • wald wald wald
  • seenkette im naturschutzgebiet (juhu!)
  • abstecher zum biber (ungeplant, aber da würden Sie auch nicht zögern)
  • bad am strand in templin (unbedingt, bevor Sie in den zug steigen!)

schlechteste idee ever: freitagnachmittag mit dem re3 richtung stralsund bis warnitz – der zug ist voll, samt derjenigen, für die corona vorbei ist oder nie existiert hat. Sie tun, was Sie sonst dringendst vermeiden: Sie setzen sich zwischen zwei fremde personen auf den einzigen freien platz, anstatt wie der rest im gang zu stehen oder auf den treppen zu hocken. Sie schließen die augen und hören sich beruhigende musik an.

in warnitz leert sich mit Ihnen der zug. Sie müssen sich regenerieren und fangen gleich an zu laufen, zum glück haben Sie nur 7,6 kg gepäck dabei, weil sie 2,5 l getränke und 1/4 wassermelone eingepackt haben – ans ipad denken Sie gar nicht mehr. checken Sie ruhig 3x vor abfahrt die ausrüstung, irgendwas vergessen Sie ja doch (1 wechselteil, matcha-tee für den matcha-shot am morgen, 1 unterlage für die kälte am abend …)

weil Sie nur noch nach bedarf = bergab laufen, können Sie jetzt schön abwechselnd traben+stiefeln, aber weichen Sie den autos+wohnwagen aus, die die gesamte breite des weges in anspruch nehmen. denken Sie nicht, dass Ihnen das laufen auf der gegenüberliegenden fahrseite hälfe hülfe hilfe, weil die autos ausweichen müssten. springen Sie notfalls die böschung hinauf – es gibt meist keinen graben.

freuen Sie sich auf das hauptstraßenstück, es gibt 1 richtigen radweg. vergessen Sie den oberuckersee, wenn Sie oben in warnitz nicht kurz ans ufer sind, gibt es keine chance mehr. in schifferhof können Sie 1 blick auf die große lanke werfen oder in suckow 1 verzweifeltes bild durchs gebüsch auf den haussee schießen, ansonsten haben Sies erstmal verpasst, das wasser.

dafür strahlen die felder im juni mit mohn – vergessen Sie alles, was vorher war, lassen Sie die hauptstraße links liegen, sehen Sie sich satt am rot. gehen Sie langsam. das nächste dorf kommt sowieso, Sie können anfangen 1 unterkunft zu suchen, an den stränden ist überall zelten verboten. werfen Sie 1 sehnsüchtigen blick auf das haus in der senke mit dem eigenen windrad und streichen Sie alle gedanken an reichsbürger*innen aus Ihrem kopf, die sich bei dieser art der selbstversorgung auftun und hoffen Sie aufs beste.

die dörfer ziehen sich lang wie die sandigen wege, deren absperrungen linksrechts allerdings nicht so bedrohlich aussehen wie die schweinepestelektrozäune bei frankfurt/oder. es ist behaglich, auch wenn Sie wissen, wenn jetzt 1 auto kommt kömmt, bleibt Ihnen wieder nur wie 1 geiß die böschung. genießen Sie das kurze stück kopfsteinpflaster, es bleibt Ihr einziges für lange zeit, Sie werden es fast vermissen.

baden Sie im stiernsee, es gibt auch 1 zweiten versteckten eingang mit hängemattenaufhängung, die allerdings leider kaputt gegangen ist (fragen Sie nicht mich wieso). fürchten Sie sich vor den jäger*innen, die nachts schießen. überlegen Sie dabei kurz, ob es 1 fußballspiel gibt und halten Sie an diesem erfreulichen gedanken fest – auch wenn 1 hund ganz nah bellt.


spätestens jetzt sollten Sie kurz geschlafen haben oder wenigstens geruht und die stille der morgendämmerung genießen, laufen Sie noch nicht, lauschen Sie dem anschwellenden laut der erwachenden vögel. gehen Sie ruhigen mutes durch briesen, hier ist kein hund.

halten Sie durch im wald, es wird lang aber/und abwechslungsreich, und trotz des vielen abgehackten holzes ist noch genug übrig für die erholung namens waldbaden (das tun Sie natürlich nicht). holen Sie die wanderstöcke raus + trailrunnen Sie ab+zu ein paar meter, damit Sie nicht nach nordic walking aussehen, aber übertreiben Sies nicht, Sie kriegens teilweise mit den tiefen traktorspurillen zu tun.

erschrecken Sie nicht über den range rover am rand, laufen Sie ohne sorge drauf zu, erhöhen Sie das tempo + sehen Sie fit aus. freuen Sie sich, weil er leersteht, weil der*die jäger*in irgendwo aufm hochsitz hockt + aufs wild wartet. laufen Sie ab jetzt nicht mehr. seien Sie auch nicht zu übermütig, wenn Sie am forsthaus vorbeikommen, weil der*die ranger*in ja draußen ist – es ist 1 kirchenzugehörige großanlage!

wenn der radweg am bruchsee kommt, laufen Sie wieder ein bisschen, sonst kommen Sie ja nie an. stoppen Sie sofort, wenn Sie das biberschild sehen. auch wenn Sie das nicht eingeplant haben: die 3-4 km um den gleuensee können Sie einbauen – hier haben Sie ihr wirkliches highlight: singletrail am see mit biberfällbäumen + sonnenaufgang. tun Sie ein bisschen so, als könnten Sie mit dem gepäck laufen. wenn Sie an den booten vorbeikommen, die hier noch schlafen, gehen Sie ruhig vorbei, Sie wollen niemanden wecken.

das kurze stück an der hauptstraße laufen Sie schnell durch, bevor der lkw kommt. posten Sie auf twitter zweidrei bilder über die leitplanken und die unmöglichkeit brandenburgischer wanderrouten. versuchen Sie es mit 1 schönen bild ironisch abzurunden, Sie können ja wirklich nicht klagen!

laufen Sie ab jetzt so weit wie es geht, der radweg ist nicht mehr lang und dann geht es wieder am ufer entlang. lassen Sie sich von den schäferhunden ohne schafe an der leine, die Sie anspringen wollen, nicht irritieren, glauben Sie dem besitzer, aber vertrauen Sie ihm (wem oder was?) nicht.

baden Sie im see.

wenn Sie 1 strandlieger*in sind, bleiben Sie 1 weile, essen Sie hier Ihren rest melone. bringen Sie meinetwegen den tag in templin zu, Sie sind ja früh dran. oder aber beeilen Sie sich und kürzen zum bahnhof templin-stadt über die brücke ab, weil die heimreise 2 std. dauert und Sie dieser typ sind. gegenüber vom bahnhof kriegen Sie 1 kaffee + 1 rosinenbrötchen. seien Sie zufrieden. sagen Sie es sich immer wieder, wie sehr es Sie wundert. dass man so zufrieden sein kann.

fragen Sie sich zur sicherheit auf der heimreise, ob Sie etwas anderes täten, wenn Sie 1 gut geerbt hätten. oder wie Sie an 1 gut kämen, um es zu wissen. verwerfen Sie diesen gedanken, weil das keinen sinn hat und fragen sich, wie Sie ihren lebensabend in der uckermark verbringen können, z.B. als besitzer*in 1 naturcampingplatzes ohne wohnwagen versteht sich. verwerfen Sie es, weil Sie dann da hocken würden, während die anderen unterwegs sind und Sie sich bloß über die berliner*innen aufregen würden, die alle Ihre schön mark durchreisen.

hören Sie den podcast zu “orientierung im raum” und nehmen Sie sich fest vor, das mit dem kompass zu üben (das navi wird sonst klüger als Sie). überlegen Sie, ob Sie wie 1 der protagonist*innen auch “sport-mental-coach” werden wollen. verwerfen Sie es. versuchen Sie nicht dauernd, etwas aus dem herauszuschlagen, was Sie gerne tun und tun Sies einfach.

fragen Sie nicht mich, wieso Sie das tun. ich habe keine ahnung, wer Sie sind.

(c) kaschpar

daheim schreiben Sie 1 ellenlangen beitrag über Ihre reise + machen 1 projekt daraus. Sie können halt nicht anders. macht nichts. wozu haben Sie 1 blog?